Bevor ich gestern die Wohnung verliess, überlegte ich mir eine Zeit lang, ob ich meine Kamera in die Stadt mitnehmen sollte oder nicht. Ich entschied mich dagegen, was ich später bitter bereute.
Nach dem üblichen Tagesprogramm, also Unterricht mit Wladimir und herumspazieren in der Fussgängerzone mit anschliessendem Besuch im Internetcafe, kam ich auf dem Rückweg wie üblich am grossen Sowjetplatz vorbei, wo auch wie früher schon erwähnt, die Hochzeitspaare hinzukommen pflegen. Bereits am Morgen war mir aufgefallen, dass an Stelle der üblicherweise um den Platz parkierten Autos einige Verkehrspolizisten standen und die Plätze freihielten. Ich dachte mir dabei, dass wohl später irgendein Anlass auf dem Platz stattfinden würde.
Als ich nun wieder zum Platz kam, standen auf dem Platz schön aufgereiht und nach Einheiten in Blöcke eingeteilt ein paar hundert Polizisten. Neben normalen Polizeibeamten sah man Hundeführer, irgendwelche stärker Bewaffneten Spezialeinheiten und weitere Unterscheidungen zwischen den verschiedenen Einheiten. Sie lauschten den Worten ihres Kommandanten, der erstaunlich unmilitärisch zu ihnen sprach. Anschliessend wurden einige ausgewählte Polizisten mit einer Urkunde und einem Orden geehrt - wohl für ihre besonderen Leistungen im Polizeidienst. Nach diesem Prozedere erschallte vom Band laute Marschmusik, worauf die einzelnen Einheiten geschaffelt in verschiedene Richtungen wegmarschierten.
Alles wurde gefilmt und man achtete minutiös darauf, dass die richtigen Posen für die Kameras eingenommen wurden.
Ich verstand das ganze Prozedere nicht so ganz genau und fragte mich dabei nach dem genauen Sinn und Zweck dieser Übung - wohl eine Art Machtdemonstration. Man erkannte trotz der pompös inszenierten Stärke und Macht gewisse Schwächen, die offenlegten, dass auch diese Polizisten nur Menschen sind. So marschierten nicht Alle genau im Rythmus, einzelne mussten vereinzelt kleine Zwischenschrittchen einlegen. Genau dieses Phänomen der Demonstration von Stärke bei gleichzeitigem Vorhandensein von normaler menschlicher Schwäche erlebt man in Russland oft. Gegegen aussen will man stärker wirken, als man eigentlich ist oder sein kann. Dadurch erhofft man sich Ruhm, Ehre und Ansehen, was in dieser Gesellschaft einen noch etwas stärkeren Stellenwert zu haben scheint.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen