In 2 Tagen und einigen Stunden werden wir mit knallenden Champagnerkorken und Farbexplosionen am Himmel ein neues Jahr wuerdig begruessen. Fuer viele ist Neujahr ein kleiner Neuanfang, man nimmt sich gute Vorsaetze, will sein Verhalten moeglicherweise verbessern und hofft, dass auch alle Wuensche in Erfuellung gehen werden.
Vor diesem kleinen Neuanfang nehmen sich viele die Zeit, auf die vergangenen 12 Monate zurueckzublicken, was auch ich an dieser Stelle tun moechte.
2008 war fuer mich kein gewoehnliches Jahr, es war wie kein anderes Jahr zuvor von extrem vielen Wechseln und Neuerungen durchzogen. Von Konstantheit konnte selten die Rede sein.
Ich wurde erwachsen - zumindest auf dem Papier. Ich eroberte mit meinen Fahrkuensten mehr oder weniger erfolgreich die Autobahnen dieser Welt, von einem geplatzten Reifen mal abgesehen. Ich war eine Zeit lang verliebt und stiess dabei auch endlich einmal auf Gegenliebe. Ich schloss nach 12 Jahren endlich meine Schulzeit ab und war damit bereit, um in die grosse weite Welt hinauszutreten, wie es unser Sportlehrer treffend ausdrueckte, als er uns nach erhaltenem Maturzeugnis auf dem Schulgelaende "erwischte". Ich erlebte im Sommer unbeschreiblich schoene Konzerte - allen voran natuerlich mit Sigur Ros. Ich gab mich auch ein wenig dem Exzess hin - vielleicht ein bisschen zu oft, was mir morgens jeweils mein verkaterter Kopf in Erinnerung rief. Ich schloss neue Freundschaften und erlebte mit diesen Menschen wunderbare Stunden.
Soviel zu den ersten 9 Monaten dieses Jahres. Danach begann fuer mich die wohl speziellste Zeit meines Lebens. Ich wagte den Schritt von der vertrauten Heimat in eine mir ziemlich unbekannte fremde Welt. Aus einer durch Spass und Konsum gepraegten Umwelt befoerderte mich ein Flugzeug in eine Welt mit einer fremden Sprache und Kultur. Anfangs war alles neu fuer mich, tagtaeglich prasselten die Eindruecke wie ein Hagelsturm auf mich nieder, vor dem ich mich gerne bei einer mir vertrauten Person ab und zu in Sicherheit gebracht haette. Aber da war niemand. Nach meinem doch ziemlich sozialen Alltagsleben in der Schweiz fand ich mich ploetzlich in einer ziemlich isolierten Situation wieder, was mir in den ersten paar Wochen doch einiges zu denken gab. Ich hatte viel Zeit, um ueber mich und das Leben nachzudenken. Wahrscheinlich wurde ich dadurch persoenlich auch ein wenig staerker und reifer. Dennoch war ich froh, als sich nach den ersten zwei drei Wochen endlich ein Ende dieser Eiszeit anbahnte.
Darauf folgten zwei wunderschoene Monate mit extrem vielen neuen Bekanntschaften, und wohl auch einigen Freundschaften. Zu merken, wie sich mein Russisch ziemlich verbesserte, befriedigte mich sehr. Und zu spueren, wie sehr die Begegnung mit einem deutsprachigen Auslaender gewisse jungen Menschen freut, machte mich ebenfalls sehr gluecklich. Ich merkte auch, dass man gar keine Gefahr eingeht, wenn man offen auf fremde Menschen zugeht, wie ich es frueher kaum wagte.
Jetzt, wo das Ende meiner Zeit hier naht, macht sich langsam ein starkes Heimweh bemerkbar. Irgendwie ist mein Platz auf dieser Welt eben doch in der Schweiz, ich kann zwar hier relativ problemlos fuer laengere Zeit leben, aber der Boden, in dem ich meine Wurzeln schlagen kann, liegt wohl doch in meiner Heimat. Vor meiner Abfahrt war mir das viel weniger bewusst, man merkt oft erst, wie wichtig etwas war, wenn man es nicht mehr in seiner Naehe hat. Trotzdem war die Entscheidung, hierher zu kommen absolut richtig. Sie hat mich persoenlich ein grosses Stueck vorangebracht und mir auch klar gemacht, dass man ein Land und sein Volk erst zu verstehen lernt, wenn man darin eine Weile lebt. Klar gab es auch viele schwierige Momente, und manchmal fragte ich mich, was ich denn hier zu suchen habe, aber schlussendlich war es doch das Richtige fuer mich.
Surfen in Australien kann ich auch sonst einmal, und Parties gibts auch massenhaft zu Hause in der Schweiz.
Insgesamt war es wohl das beste und spannendste Jahr meines bisherigen Lebens. Von einem eher faulen Gymnasiasten, der jeweils an den Wochenenden richtig aufbluehte und sich ins staedtische Getuemmel stuerzte, wurde ich zu einem kaeltegeprueften Sibirjaken, welcher sich oft Zeit nimmt, ueber sich und die Welt zu philosophieren. Natuerlich freue ich mich auch wieder auf ein wenig exzessivere Zeiten nach meiner Rueckkehr in der Heimat, aber ich bin trotzdem froh, dass ich das Jahr 2008 so facetten- und kontrastreich erleben durfte. Hoffen wir, dass 2009 genauso interessant wird!
Und heute gehe ich zum Coiffeur. Mal schauen, wie es wird. Vielleicht haetten wir mit Wladimir doch Coiffeurvokabular lernen sollen...