Freitag, 31. Oktober 2008

Schnee!

Ja, heute morgen hat es wiedereinmal geschneit. Aber nun am frühen Nachmittag ist alles wieder geschmolzen. Wie vergänglich die weisse Pracht doch sein kann. Schon seit 3 Tagen hat es morgens jedoch ein kleines bisschen Schnee, der aber leider immer wieder schnell dahinschmilzt.

In der Schweiz hat es auch geschneit, sie haben sogar irgendetwas in den Morgennachrichten von Radio Russia gebracht, irgendwas vonwegen Zürich und 20 Zentimeter, mehr habe ich leider nicht verstanden. Ein Blick auf die Tagi-Homepage hat das bestätigt. Schön. In der Schweiz hat es mehr Schnee als in Sibirien. Naja.

Heute Abend ist an der Uni irgendeine Halloweenparty. Mal schauen. Wenn mich jemand mitnimmt, gehe ich vielleicht da hin. Wäre sicherlich noch amüsant. Und ich habe schon einen Monat lang nicht mehr wirklich Party gemacht, was aber eigentlich auchmal gut ist. Maja hat gesagt, sie geht vielleicht hin, dann könnte ich mit ihr gehen. Sonst lerne ich halt russisch zu Hause...

Ich würde eigentlich gerne täglich irgendwelche tollen Fotos hinaufladen, aber irgendwie ist hier alles zu langsam. Naja, wenigstens könnt ihr hier lesen. Ist doch auch schön. Gestern habe ich begonnen, meinem Grossvater einen Brief zu schreiben. Sind schon 2,5 Seiten, und ich wüsste noch sehrviel zu schreiben. Aber alles muss man ja auch nicht in Worte fassen.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Rollerdom. Indiemusik.

Als ich gestern die Uni ohne grosse Pläne für den weiteren Tagesverlauf verliess, bekam ich eine SMS von Maja. Sie wollte mich zum Rollschuhfahren im Rollerdom einladen, da es ja am Sonntag nicht geklappt hatte. Ich freute mich über dieses spontane Angebot und sagte natürlich sofort zu.
So fuhr ich mit Maja und Natascha, einer Freundin von ihr, die ich bisher noch nicht gekannt hatte, zum Rollerdom auf einem Hügel am Stadtrand. Unter Rollerdom muss man sich eine mittelgrosse Halle vorstellen, in der man mit gemieteten oder eigenen Inline Skates seine Runden drehen kann. Nicht so discomässig bunt wie in gewissen amerikanischen 80er-Jahre Filmen, aber wenigstens lief irgendwelche Bummbumm-Musik. Es machte jedenfalls grossen Spass, wiedermal Rollschuh zu fahren und ich war erstaunt darüber, dass ich sogar von früher noch einige Tricks wie Rückwärtsfahren oder enge Kurven fahren beherrschte. Zu meiner Freude fiel ich auch nie hin, wie es Maja gerne gesehen hätte, die zweimal auf dem Boden landete... Gegen Ende unserer Zeit machte sich jedoch ein Schmerz an meiner Fussohle bemerkbar, der stark auf die Bildung von Blasen schliessen lies. Ich hätte wohl die Schuhe eine Nummer kleiner nehmen sollen - denn als ich nach Hause kam, bevölkerte eine riesige Blase meinen rechten Fuss. Naja. Selber schuld...

Nach dieser sportlichen Betätigung - ich kam zum ersten Mal seit Wochen wieder ein wenig ins Schwitzen - beschlossen wir, noch Pizza essen zu gehen. Auf dem Weg dahin lenkten wir unser Gespräch - ich versuchte russisch zu sprechen, Maja meistens deutsch und Natascha irgendwie englisch, jeder wollte seine Fremdsprachenkenntnisse anwenden - auf das Thema Musik. Natascha wollte wissen, was ich denn so höre. Mein schalkhaftes "ich höre nur klassische Musik" wollten sie mir nicht abnehmen, und so sagte ich ihnen ich höre "irgendwas mit Rock, so Independent undso". "Aha, meinst du INDIE? Solche Bands wie Arctic Monkeys, Strokes undso?", fragte darauf Natascha. Und ich konnte erfreut bejahen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Globalisierung heute soweit reicht und die Namen von westlichen Indie-Grössen, wie ich sie auch oft höre, sogar hier im fernen Osten geläufig sind. Aber das Internet machte die Welt zu einem Dorf und ist auch hier immer gegenwärtiger, sonst könnte ich auch meine Zeilen hier nicht tippen und euch praktisch in Echtzeit aus meinem 7500km entfernten temporären Wohnort berichten.

Jedenfalls war dann das Eis zwischen uns gebrochen und ich zeigte Natascha alle meine Bands auf meinem Ipod. Sie hatte wie es schien zwar noch nie ein solches Ding in ihren Händen gehalten, erkannte aber immer wieder ihr bekannte Gruppen und Interpreten. Das freute mich und zeigte mir, wie klein doch die Welt manchmal sein kann. Auch wenn hier keine Möglichkeit besteht, diese Bands live an Konzerten spielen zu hören und dies für viele auch ein Traum bleiben wird, ist die Musik an sich doch verfügbar und wird auch gehört. Auch viele populäre amerikanische Filme und Serien kennt man hier unter den Jugendlichen mit einer ähnlichen Selbstverständlichkeit wie in Westeuropa.

Somit ging wiederum ein sehr toller Tag zu Ende. Mittlerweile beginnt langsam die Anzahl an sehr guten Tagen die mühsamen Tage zu überbieten und die anfängliche dreiwöchige Durststrecke scheint beendet zu sein. Es ist mir klar, dass ich noch weiter mich um den Aufbau eines gewissen sozialen Netzwerkes bemühen muss und noch nicht "alles getan" ist, aber ich bin doch froh, dass nun diesbezüglich eine positive Entwicklung begonnen hat. Ich freue mich auf die nächsten drei Monate!

Dienstag, 28. Oktober 2008

Kehlkopfgesang

Gestern hielt ich meine erste Stunde als Deutschlehrer - oder sowas ähnliches - an der deutschen Fakultät der Uni. Ich hatte eine Gruppe von nur drei Studentinnen, eigentlich sind es vier, aber eine von ihnen hat gerade ein Kind bekommen und möchte nun von zu Hause aus studieren. Jedenfalls war die Atmosphäre in der Stunde sehr locker, ich liess sie zuerst ein wenig über die Biographie Dürrenmatts erzählen, welche sie auf diese Stunde gelesen hatten. Danach widmeten wir uns gemeinsam der Lektüre und hielten immer wieder kurz inne, um Auffälligkeiten und inhaltliche Veränderungen miteinander zu besprechen. Die Arbeit mit ihnen ist für mich sehr angenehm, da sie auch wirklich einen starken Lernwillen zeigen und ziemlich motiviert sind. Weiter entsteht durch die Gleichaltrigkeit eine entspannte Atmosphäre zwischen mir und den Studentinnen.

Für den Abend hatte mir Nina Karten für ein Konzert einer traditionellen Musikgruppe aus Tuwa besorgt, die eine spezielle Gesangsart - den Kehlkopfgesang - beherrschen. Ich kam bereits vor einigen Tagen an der Kulturakademie in den Genuss einer kurzen Kostprobe dieser Gesangstechnik. Klingt im ersten Moment ziemlich fremdartig, schnell entfaltet sich jedoch bedingt durch die Resonanz, welche der Sänger im Bauchraum erzeugt, eine unglaublich schöne gesättigte Wärme, welche einen ganzen Raum zu füllen vermag.
Ich freute mich also ziemlich auf dieses Konzert. Da Nina kurzfristig anderes vor hatte, ging ich mit Dascha dorthin, und ich hatte kurzzeitig schon Angst, dass wir wieder nicht wirklich miteinander reden könnten, wie es früher oft der Fall war, seit sie beschlossen hatte, mit mir nur noch russisch zu sprechen. Ich hatte dabei jeweils eine gewisse Hemmschwelle sie anzusprechen, da sie irgendwie wenig Rücksicht auf mein schlechtes Sprachverständnis nahm und mich auf russisch mit schwierigen wörtern und im normalen schnellen gesprächstempo volltextete. Darum hatte sich leider in den vergangenen Tagen eine gewisse Distanz aufgebaut, die jedoch glücklicherweise auf dem Weg zum Konzert endlich wieder abbrach.
Wir kamen schnell in ein Gespräch über unsere unterschiedlichen Lebensumstände - sie in Russland und ich in Westeuropa - und sie erzählte mir einiges über ihre Arbeit in einem Cafe und über ihre geplante Reise nach China (Wellnessurlaub undso mit Freundinnen, da dort vieles billig ist). Die meiste Zeit sprachen wir russisch, aber zwischendurch auch wieder deutsch, wo es nicht mehr ging. Ich glaube wir können nun offener aufeinander zugehen, und uns nicht einfach durch eine schicksalshafte Wendung unter gleichem Dach lebend betrachten. Ende der Eiszeit.

Das Konzert war wunderbar. Die vier Sänger von asiatischer Abstammung vermochten mit ihren traditionellen Instrumenten und ihren fabelhaften Stimmen, eine in gewisser Hinsicht fast sphärische Musik erklingen zu lassen, was ich ausserordentlich mag. Gleichzeitig spielten sie auch immer wieder stark rythmische Stücke, welche das Publikum regelmässig zu Begeisterungsrufen bewegten - teilweise erinnerte es mich schon fast an ein heimisches Popkonzert. Das Ganze endete in einer wilden Fusion aus traditioneller Musik und Blues, welche durch das dazukommen eines Gitarristen und eines Mundharmonikaspielers zu stande kam. Genial! Ich muss mich nach CDs mit solcher Musik umschauen, oder am besten noch ein Konzert dieser Gruppe schauen gehen. Mal sehen.

Ja, wiederum ein rundum guter Tag.

Sonntag, 26. Oktober 2008

Besuch aus Irkutsk

Gestern hatte ich einen supertollen Tag. Alles begann wie gewoehnlich mit dem morgendlichen Russischunterricht an der Uni. In der Pause merkte ich, dass es fuer einen Samstagmorgen im Lehrerzimmer ungewoehnlich hektisch zu und her ging, man machte mich dann darauf aufmerksam, dass dieses Wochenende zwei Gaeste aus Deutschland anwesend seien, die hier einen Deutschtest durchfuehren, an dem ausgewaehlte Studentinnen teilnehmen koennen. Bei einem guten Testergebnis winkt ihnen die Chance, waehrend 3 Monaten bis zu mehreren Jahren in Deutschland deutsch zu studieren.
Man sagte mir, dass ich am Nachmittag mit den Gaesten auf eine Stadtfuehrung mitkommen koenne, was ich dann natuerlich auch gerne tat.

Es zeigte sich dann, dass es sich nicht um eine streng organisierte Fuehrung handelte, was in Nachhinein betrachtet sogar positiv fuer mich war. Zwei Studentinnen aus dem 4. Studienjahr, Maja und Mascha, waren von ihrer Lehrerin gebeten worden, die deutschen Gaeste etwas herumzufuehren. Wir gingen zuerst zum Bahnhof, wo Sascha und Jenny, die deutschen Gaeste, ihr Zugticket fuer die Rueckfahrt nach Irkutsk am Montag kauften. Ich kam mit Maja und Mascha schnell ins Gespraech (auf deutsch, mein russisch reicht noch nicht wirklich fuer ausgedehnte Sprechorgien) und sie waren mir sofort sympathisch. Es lief nicht wie ein ich-bin-ein-Fremder-aus-einem-fernen-Land-und-ihr-sollt-mir-jetzt-erklaeren-wer-ihr-seid-und-was-ihr-macht-Gespraech ab, wie es bis jetzt oftmals der Fall war, wenn ich auf neue junge Menschen traf, sondern vielmehr wie eine normale Unterhaltung zwischen jungen Menschen. Auch die deutschen Gaeste erwiesen sich als sehr sympathisch. Die beiden ungefaehr Dreissigjaehrigen leben nun seit dem 1. September fuer 5 Jahre in Irkutsk, wo sie an verschiedenen Universitaeten als Lektoren der deutschen Sprache arbeiten.
Vom Bahnhof aus fuhren wir mit der Marschrutka zum einem Dazan (buddhistisches Kloster), welches wunderschoen auf einem Huegel gelegen ist, von wo aus man wunderbar die ganze Stadt ueberblicken kann. Ich war bereits ganz zu Beginn meiner Zeit in Ulan-Ude dort, diesmal waren aber das Wetter und die Begleitung viel angenehmer.
Als wir die Rueckfahrt in die Stadt antreten wollten, bemerkte Maja, dass sie ihr Portmonee bei der Hinfahrt in der Marschrutka liegengelassen hatte. Alles Suchen in den noch da stehenden Marschrutkas half nichts - unsere war wohl schon wieder abgefahren. Zum Glueck hatte Maja jedoch nicht allzu viel Geld dabei gehabt, nur der Verlust ihrer Bankkarte war aergerlich.
Als Ausklang des Tages machten wir es uns im Stadtzentrum in einem Cafe gemuetlich und fuehrten spannende Gespraeche ueber Russland, die deutsche Sprache und vieles mehr. Sascha und Jenny versprachen mir, dass ich mich jederzeit bei ihnen melden koenne, falls ich einmal die Stadt Irkutsk besuchen moechte, was ich sicherlich auch tun werde. Maja wollte mich fuer den heutigen Sonntag zum Rollschuhfahren in einem Rollerdom einladen - so wie man es aus den amerikanischen Filmen kennt. Heute morgen musste sie jedoch feststellen, dass sie ja gar kein Geld hatte ohne ihre Bankkarte, und so mussten wir unseren Ausflug auf ein anderes Mal verschieben.
Trotzdem bin ich sehr froh, endlich ein zwei Freundinnen gefunden zu haben, welche mir sympathisch sind und welche ich auch gerne ab und zu in meiner Freizeit treffen werde. Maja gab mir auch ihre Handynummer und bot mir an, mir bei Problemen zu helfen und auch ab und zu etwas mit mir zu unternehmen, wenn sie Zeit hat. Unter der Woche wohl eher weniger, denn wie ich erfuhr, haben die Studentinnen taeglich 3-4 Doppelstunden Unterricht plus Hausaufgaben, was im Vergleich zu unseren Verhaeltnissen doch extrem viel ist.

Ich bin gluecklich, mehrere sehr nette Menschen kennengelernt zu haben und freue mich nun auf naechste Woche. Morgen Montag werde ich erstmals mit den Studentinnen zusammen arbeiten. Wir werden zusammen Duerrenmatts "Besuch einer alten Dame" lesen, analysieren und besprechen. Am Dienstag bin ich zum Presseunterricht eingeladen worden, wo ich mit den Studentinnen Artikel aus der deutschsprachigen Pressewelt besprechen werde, was mir in Anbetracht meines journalistischen Interesses natuerlich sehr gefaellt.
Ausserdem hat mir eine Freundin von Dascha, die ebenfalls deutsch studiert noch einen uebersetzten Text fuer ein Reisebuero zur Korrektur gegeben. Ich helfe gerne bei solchen Beduerfnissen aus, da mir diese Aufgabe nicht sehr schwer faellt.

Ja, es wird mir also in naher Zukunft wohl nicht langweilig werden, und auch die menschlichen Kontakte werden langsam enger und verbindlicher, was mein allgemeines Befinden sehr verbessert. Und ueber die Moeglichkeit, in ein paar Wochen nach Irkutsk fahren zu koennen, freue ich mich auch sehr!

Bezueglich Fotos muss ich euch leider noch etwas auf spaeter vertroesten. Momentan funktioniert das Internetcafe mit der besten Verbindung irgendwie nicht und es ist sonst schwierig, eine Moeglichkeit zum Hochladen von Dateien zu finden. Ich werde jedoch versuchen, bis Ende Monat irgendwie eine Moeglichkeit zu finden, ein paar Bilder zu praesentieren, kann aber leider noch nichts versprechen.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

PAVEMENT zum Frühstück.

Zu Hause erfordern die modernen Kommunikationsmittel wie Internet oder Mobiltelefonie oftmals eine staendige Erreichbarkeit und Bereitschaft, auf Kontaktversuche durch Freunde und Bekannte unmittelbar zu antworten. Ich schaetzte zu Hause diese Moeglichkeit der staendigen Erreichbarkeit und dem staendig geoeffneten "Tor zur grossen weiten Welt" eigentlich sehr, merke nun aber, dass es auch gut sein kann, nicht immer in den Genuss dieser Moeglichkeiten zu kommen.
Ich gehe momentan einmal im Tag ins Internet und checke meine Emails, beantworte die wichtigsten gleich oder warte ein 1-2 Tage auf die Beantwortung. Die restliche Zeit beschaeftige ich mich momentan vor allem mit mir selbst.
Musik ist fuer mich hier sehr wichtig, da sie fuer mich ein Stueck Heimat und Geborgenheit, in der oftmals doch noch sehr fremden Stadt fernab der Schweiz bedeutet. Eine Welt, in die ich mich zurueckziehen kann, wenn mir wie zum Beispiel gestern fuer kurze Zeit alles, was ich tue irgendwie falsch erscheint, da ich die hiesige Welt noch nicht genau verstehe.
Ich habe aber nun auch endlich genuegend Zeit, mich genauer damit auseinanderzusetzen und nicht staendig von einem Song zum naechsten zu skippen, da ich ja moeglichst viel gehoert haben moechte. So entdecke ich nun hier fast taeglich auf meinem Ipod neue Musik, die ich vorher nie wirklich beachtet hatte. Gewisse Bands versinnbildlichen durch ihre Lieder und ihren Stil auch ziemlich genau, was ich hier manchmal fuehle und bieten so den idealen Hintergrundsoundtrack zu dem, was ich hier taeglich erlebe. Ich waere wohl sehr verloren hier, wenn ich hier ohne Musik ausharren muesste, da sie fuer mich sehr viel bedeutet.

Eine Band habe ich hier besonders lieben gelernt: PAVEMENT! Irgendwie passt diese Musik perfekt. Kernig und roh, manchmal ziemlich kuehl, aber doch irgendwie Sicherheit bietend. Hoert euch Crooked Rain, Crooked Rain an, falls ihr dieses Album noch nicht kennt.

Auch lesen kann ich hier viel bewusster. Mein Vater hat mir vor meinem Abflug ein kleines Buechlein von Paulo Coelho mitgegeben - Das Handbuch des Kriegers des Lichts - und ich bin ihm sehr dankbar dafuer. Dieses Buch steckt voller kleiner und grosser Weisheiten ueber das Leben, die ich hier gut gebrauchen kann. Und ich habe auch viel Zeit, um darueber sinnieren WER wohl ich bin, WAS ich will und WOHIN ich wohl gehen werde in meinem Leben.

Danke, Papa.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Телефон работает!

Ja, mein Handy funktioniert endlich!
Bis dahin hat es mich einiges an Aufwand gekostet, meine neue russische Sim-Karte zum laufen zu bringen. Ich verstand beim Kauf zusammen mit Dascha mehr schlecht als recht, wie ich dieses Teil nun aktivieren sollte, und versuchte es einfach so, wie ich es verstanden hatte. Dascha wollte mir das Ganze auch nicht auf deutsch erklären, da sie ihrem Versprechen, mit mir NUR russisch zu sprechen treu bleiben wollte.
Irgendwie ging dabei wohl etwas schief, denn auch nachdem ich verhältnismässig viel Guthaben auf mein Handy geladen hatte, funktionierte es immer noch nicht. Eine strenge russische Tonbandstimme erklärte beim Versuch, jemanden anzurufen jeweils, ich solle eine Hotline kontaktieren. Ich wartete ein paar Tage, bis mir es mir gester schliesslich zu doof wurde, und ich meinen ganzen Mut sammelte und mich trotz meinen spärlichen Sprachkenntnissen alleine ins Telefongeschäft begab. Es kostet mich jeweils einiges an Überwindung alleine in ein Geschäft oder ähnliches zu gehen, wo ich die Verkäufer etwas fragen muss, um das zu bekommen, was ich will, da ich ständig im Hinterkopf habe, dass sie mich möglicherweise nicht verstehen werden - oder ich sie nicht. Diese Angst ist eigentlich unbegründet, da ich mich bis jetzt immer irgendwie mit dem Personal verständigen konnte.
Jedenfalls rief dann die Verkäuferin für mich bei dieser Hotline an und schliesslich funktionierte die Sim-Karte zu meiner Freude auch tatsächlich.

Gestern hat es auch zum ersten Mal richtig geschneit. Leider war es noch ein zwei Grad zu warm, darum blieb der Schnee nicht wirklich für länger Zeit liegen. In den nächsten Tagen soll es aber vermehrt schneien und dann wird hoffentlich die Stadt auch von einer weissen Puderschicht überzogen. Im Moment ist alles etwas zu grau - wie man es auch von der Schweiz im Winter gut kennt.

Montag, 20. Oktober 2008

Kulturakademie

Da ich nun in der vergangenen Woche auch Samstag zur Uni ging, und am Sonntag mit Nina abgemacht hatte, mit ihr ins Kinderzentrum zu gehen, wo sie sonntags arbeitet, konnte ich nicht wie ueblich einen freien Tag geniessen, was mir jedoch auch voellig egal war. Ich bin immer froh, wenn sich wieder eine neue Situation ankuendigt, da mit sich mit der Zeit doch eine Art Alltagstrott einschleicht. Ich bin die meiste Zeit ausserhalb der Uni alleine unterwegs, da man bedingt durch die neue Umgebung der fremden grossen Stadt und die noch vorhandene Sprachbarriere nicht sofort neue Kollegen und Freunde finden kann.
Daher bin ich immer froh, unter die Leute zu kommen. Am Sonntag nahm mich meine Gastmutter wie gesagt mit ins Kinderzentrum. Dort haben kleine Kinder die Moeglichkeit, einen spielgruppenaehnlichen Unterricht zu besuchen, wo ihnen auf einfache spielerische Art bereits gewisse vorschulische Kenntnisse vermittelt werden. Es gibt Musikunterricht, wo die Kinder singen und sich erste Rythmuskenntnisse aneignen. Ausserdem gibt es wie auch bei uns ueblich immer wieder Bastelunterricht oder die Moeglichkeit, sich auszutoben. Ebenfalls in diesem Zentrum wird aelteren Kindern Logopaedie- oder Psychologietherapie erteilt.
Ich verfolgte das Treiben gespannt und stellte mit einer gewissen Freude fest, dass die Kinder auch hier bereits frueh gefoerdert werden, was sicherlich dienlich ist fuer ihre spaetere Entwicklung.

Heute ging ich wie ueblich morgens zur Uni und ging dann auf Einladung von Nina mittags zur Kulturakademie, wo sie unter der Woche als Psychologielehrerin arbeitet. Beim Warten in der Eingangshalle fielen mir die verschiedenen Kleidungsstyle der Studenten auf, die sich wie auch bei uns ueblich, teilweise nach ihren musikalischen und kulturellen Vorlieben richteten. So erblickte man beispielsweise Hip-Hopklamotten, in Springerstiefel und schwarze Maentel gekleidete Gothicliebhaber oder andere allesamt ziemlich schoene junge Menschen, die sich Muehe gaben, durch ihr Outfit ein gewisses Stilbewusstsein auszustrahlen.
Im Innern des Gebaeudes zeigte mir Nina dann kurz einige der verschiedenen Raeume und ueberliess mich dann einem ihrer Studenten, der gerade keinen Unterricht hatte. Er heisst Artjosch und ist 23 Jahre alt. Ich sprach viel mit ihm, oder versuchte es zumindest so gut es eben mein russisch zuliess, und erlebte ihn als sehr netten jungen Mann. Er zeigte mir unter anderem auch eine spezielle Art von Gesang, die er hier an der Akademie praktiziert. Eigentlich stammt er aus einer anderen Region Sibiriens in der Naehe von Tuwa, ebenfalls in Sibirien. Dort gehoert diese Art von Gesang zum Brauchtum des Volkes. Es wird auch eine andere Sprache gesprochen, so dass er als er nach Ulan Ude kam, zuerst russisch lernen musste, obwohl er eigentlich die russische Staatsbuergerschaft besitzt. Er spielt auch sehr gut Klavier und interessiert sich fuer Musik im Allgemeinen, also zeigte ich ihm einige meiner Aufnahmen von mir und Toni auf meinem Ipod (auch bekannt als Spiced Tofu, die zukuenftig beste Band im Erdkreis. oderso.), die im auch einigermassen gefiehlen.
Beim Thema Familie erklaerte er mir, dass er bereits verheiratet sei und einen 2 jaehrigen Sohn habe, der jedoch nicht in Ulan-Ude, sondern zu Hause bei seiner Tante lebt. Artjosch lebt mit seiner Frau im Studentenheim.

Ich erlebte diesen Kontakt als sehr interessant und war ausserdem zufrieden, dass wir uns auf russisch einigermassen so verstaendigen koennen, dass wir uns gegenseitig - auf einem einfachen Niveau - verstanden. Nina stellte mich ausserdem einer weiteren Studentin vor, die an der Akademie ein traditionelles Hackbrettaehnliches Instrument praktiziert und ebenfalls sehr sympathisch ist. Nina bemueht sich auch ein wenig darum, dass ich viel Kontakt zu ihren Schuelern oder anderen Jugendlichen habe, damit ich mich moeglicherweise auch mit einigen von ihnen anfreunde. Ich finde das sehr gut, bin mir jedoch auch bewusst, dass man Freundschaften nicht erzwingen darf und kann, bin jedoch optimistisch, dass ich bald in meiner Freizeit weniger oft alleine durch die Stadt streifen muss.

Morgen gehe ich mit meiner Gastmutter Tschaikowskis "Schwanensee" mit Ballett schauen, worauf ich mich sehr freue, da mir dieses Stueck ziemlich gut gefaellt, soweit ich mich erinnern kann. Es ist mittlerweile auch nicht mehr ganz so warm wie zu Beginn meiner Anwesenheit, langsam bereitet der Winter seinen Einzug vor, wie es mir scheint. Es soll auch bald schneien, wenn man den Wetterprognosen Glauben schenken darf. Ich werde also bald meinen dicken Mantel hervorholen muessen...

Freitag, 17. Oktober 2008

Gitarrenhaendler, ihr seid Schweine!

Oder eben auch nicht... Tocotronic haben auch nicht immer recht. Jedenfalls bin ich gerade sehr gluecklich, da ich heute nach einer 2 woechigen Zwangspause endlich wieder einmal eine Gitarre in meinen Haenden hielt.
Ich habe heute nach der Uni beschlossen, noch einmal in den Musikladen zu gehen, in dem ich bereits einmal kurz war, und diesmal zu fragen, ob ich ein wenig auf einer der Gitarren spielen koenne. Ich ging also da hin und durfte mir auch prompt eine Gitarre nehmen und darauf rumklimpern. Wegen nicht vorhandenem Stimmgeraet stimmte ich sie nach meinem Gehoer, was sogar erstaunlich gut herauskam und spielte so meine ueblichen Melodien und Akkordfolgen vor mich hin. Schliesslich blieb ich ganze 20 Minuten dort, bevor ich uebergluecklich wieder in die Kaelte entschwand. Ich werde von nun an wohl oefter mal dort hineinschauen und ein wenig spielen, denn es scheint die Verkaeufer ueberhaupt nicht zu stoeren.

Apropos Kaelte. Naechste Woche soll es nachts bereits bis zu -20 Grad kalt werden, wie ich heute im Lehrerzimmer vernahm. Ich muss also langsam auf meinen waermeren Mantel umsteigen, aber ich denke ich werde es gut ueberstehen, soooo schlimm kann es schon nicht sein!

Polizeiparade

Bevor ich gestern die Wohnung verliess, überlegte ich mir eine Zeit lang, ob ich meine Kamera in die Stadt mitnehmen sollte oder nicht. Ich entschied mich dagegen, was ich später bitter bereute.
Nach dem üblichen Tagesprogramm, also Unterricht mit Wladimir und herumspazieren in der Fussgängerzone mit anschliessendem Besuch im Internetcafe, kam ich auf dem Rückweg wie üblich am grossen Sowjetplatz vorbei, wo auch wie früher schon erwähnt, die Hochzeitspaare hinzukommen pflegen. Bereits am Morgen war mir aufgefallen, dass an Stelle der üblicherweise um den Platz parkierten Autos einige Verkehrspolizisten standen und die Plätze freihielten. Ich dachte mir dabei, dass wohl später irgendein Anlass auf dem Platz stattfinden würde.
Als ich nun wieder zum Platz kam, standen auf dem Platz schön aufgereiht und nach Einheiten in Blöcke eingeteilt ein paar hundert Polizisten. Neben normalen Polizeibeamten sah man Hundeführer, irgendwelche stärker Bewaffneten Spezialeinheiten und weitere Unterscheidungen zwischen den verschiedenen Einheiten. Sie lauschten den Worten ihres Kommandanten, der erstaunlich unmilitärisch zu ihnen sprach. Anschliessend wurden einige ausgewählte Polizisten mit einer Urkunde und einem Orden geehrt - wohl für ihre besonderen Leistungen im Polizeidienst. Nach diesem Prozedere erschallte vom Band laute Marschmusik, worauf die einzelnen Einheiten geschaffelt in verschiedene Richtungen wegmarschierten.
Alles wurde gefilmt und man achtete minutiös darauf, dass die richtigen Posen für die Kameras eingenommen wurden.

Ich verstand das ganze Prozedere nicht so ganz genau und fragte mich dabei nach dem genauen Sinn und Zweck dieser Übung - wohl eine Art Machtdemonstration. Man erkannte trotz der pompös inszenierten Stärke und Macht gewisse Schwächen, die offenlegten, dass auch diese Polizisten nur Menschen sind. So marschierten nicht Alle genau im Rythmus, einzelne mussten vereinzelt kleine Zwischenschrittchen einlegen. Genau dieses Phänomen der Demonstration von Stärke bei gleichzeitigem Vorhandensein von normaler menschlicher Schwäche erlebt man in Russland oft. Gegegen aussen will man stärker wirken, als man eigentlich ist oder sein kann. Dadurch erhofft man sich Ruhm, Ehre und Ansehen, was in dieser Gesellschaft einen noch etwas stärkeren Stellenwert zu haben scheint.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Fassade und Realität

Im Einzelunterricht mit Wladimir Iwanowitsch kommt es immer wieder vor, dass wir für eine Weile vom Thema des Lehrmittels abschweifen und über die Unterschiede zwischen meiner - der schweizerischen, europäischen - und seiner - der russischen - Kultur zu sprechen kommen. Ich erklärt ihm dabei Bräuche und Eigenheiten, die er auf Fotografien aus der Schweiz gesehen hatte und nicht genau verstand. So zum Beispiel der alljährlich am Zürcher Sechseläuten verbrannte Böögg oder traditionell urschweizerische Sportarten wie Unspunnensteinwerfen, Schwingen oder Fahnenschwingen. Er ist dabei jeweils sehr interessiert und ich selbst bin manchmal erstaunt, wie viel von diesen Bräuchen ich trotz meinem eigentlich Desinteresse kenne.
Nun kam in unserem Lehrmittel das Thema Wohnen vor. Dieses Stichwort verleitete Wladimir Iwanowitsch (ich schreibe absichtlich jeweils den Vornamen und den Vatersnamen, da sich dies anders als bei uns üblich ist) dazu, mir die russische Gesellschaft etwas besser zu erklären, beziehungsweise mich auf die herrschenden Probleme aufmerksam zu machen. Als bereits etwas älterer Herr hat er die Zeit des Umbruchs in Russland, die Perestrojka, selbst als Erwachsener erlebt. Er zeigte mir anhand von Beispielen auf, dass unser harmonisiertes Bild aus westlicher Sicht, die wir die Perestrojka fast ausschliesslich als positive Demoktratisierung und Befreiung aus den Klauen des Kommunismus ansehen, doch etwas zu einseitig und teilweise schlichtwegs falsch ist. Zu aller erst kann man das heutige Russland noch keineswegs als eine gesunde Demoktratie bezeichnen. Vielmehr fühlen sich die Leute, welche es durch Glück oder harte Arbeit geschafft haben, ein kleineres oder grösseres Vermögen anzuhäufen, zwar frei und sehen sich in dieser Hinsicht auch als Teil eines demokratischen Gefüges, verhalten sich aber durch diese Haltung bedingt eigentlich sehr egoistisch und verstehen unter Demokratie vor allem, dass sie für sich selbst alles kaufen können, was sie wollen und somit eine freie Wahl haben. Dies führt jedoch häufig zu starkem Egoismus seitens der Reichen und Neureichen, was den Missmut in der Bevölkerung ihnen gegenüber verstärkt und eine Demokratisierung nach dem Prinzip der Chancengleichheit verhindert.
In der breiten Bevölkerung sieht die Lage nämlich ganz anders aus. Die Menschen sind zwar seit der Perestrojka grundsätzlich frei, haben aber gar keine Möglichkeit mehr diese Freiheit auszukosten. Vielmehr ist das Leben der meisten "einfachen" Leute von ständiger Arbeit oder der Suche nach Arbeit geprägt. Meine Gastmutter arbeitet beispielsweise 7 Tage pro Woche. Sie hat etwa 3 verschiedene Beschäftigungen, welchen sie als Psychologin - in unserer europäischen Gesellschaft ein eher gut Bezahlter Mittelklassenjob - nachgeht. Trotzdem beklagt sie sich über die ständige durch die Inflation bedingte Teuerung der Produkte. Darum ist sie auch froh über den finanziellen Zustupf, den ihr meine Anwesenheit bei ihr in der Wohnung bringt.
Auch die Altersvorsorge ist heute in Russland desolat. Mit einer Rente, die knapp die Wohnungsmiete deckt, würde mein Lehrer wohl kaum ein einigermassen angenehmes Leben führen können. Darum arbeitet er immernoch, obwohl er mit seinen 67 Jahren eigentlich schon länger pensioniert wäre. Er ist sehr froh über diese Möglichkeit, da ansonsten sein Lebensstandart massiv sinken würde.
Auch die bei uns übliche Situation, dass Jugendliche mit 20 oder etwas mehr Jahren bereits von zu Hause in eine WG oder ähnliches ziehen, findet sich hier kaum. Der Arbeitsmarkt bietet praktisch keine Jobs für Studenten, die Arbeitslosigkeit ist ohnehin hoch, Wohnungsmieten sind unverhältnismässig teuer, so bleibt den Jungen nur übrig, weiter zu Hause zu wohnen.

Diese und noch viel mehr Probleme, waren durch die strenge Regulierung während der Sowjetzeit weniger oder gar nicht vorhanden. Klar war man an sich weniger frei als heute, hatte in den Läden nicht die freie Auswahl, die man heute hat. Trotzdem herrschte damals eine gewisse Sicherheit, die nun vielen Russen fehlt. Nach der plötzlichen Demokratisierung mit der Perestrojka klappte die praktische Umsetzung vielerorts nicht, da sich die Bevölkerung gar nicht darauf vorbereiten konnte und somit nicht wusste, wie man damit richtig umgehen sollte. Momentan herrscht in Russland eine Scheindemokratie, vieles ist unklar und in ständigem Wandel, vielen fehlt ein sicherer Pol im Staat. Vielmehr scheint das Land und die Gesellschaft irgendwie vor sich her zu schlittern - mit unklarem Ziel. Deshalb erzählen viele älteren Russen wehmütig von der Zeit vor der Perestrojka.

Bei einem Gang durch die Strassen, fällt einem auf den ersten Blick auch fast nichts von diesen Problemen auf, vielmehr sieht man auf der Strasse die immer zahlreicher werdenden modernen Autos, die gutgekleideten selbstbewusst daherschreitenden jungen Damen in den Fussgängerzonen und die Vielzahl an westlichen und russischen Geschäften, die ein breites Sortiment an Konsumgütern feilbieten. Hinter dieser schönen Fassade herrscht jedoch eine andere Realität. Treppenhäuser in den Wohnblöcken verwahrlosen, weil sich niemand dafür verantwortlich fühlt, alte Menschen müssen von ihren Kindern ernährt werden, um vor der Bettelei gerettet zu werden und so weiter. Es ist mir persönlich auch wichtig, den Blick während meines Aufenhalts vermehrt auch hinter diese harmlos wirkende Fassade zu werfen und nicht nur vom schön vor sich hin glänzenden getäuscht und geblendet werden.

Montag, 13. Oktober 2008

Wochenende

Schon seit Tagen zeigt sich der sibirische Himmel von seiner schönsten Seite. Die Sonne scheint ständig und so ist es tagsüber draussen angenehm warm.
Deshalb beschloss ich, auch an meinem freien Wochenende nicht den ganzen Tag in der Wohnung herumzulümmeln und fernzusehen, womit sich viele junge Russen an Wochenenden beschäftigen, wie ich in verschiedenen Gesprächen herausgehört habe.
Samstags begab ich mich für einen ausgedehnten Spaziergang in die Innenstadt und die dort befindliche Fussgängerzone, schrieb einige Emails im Internetcafe und beobachtete die Hochzeitspaare und ihre stolze Entourage beim Lenindenkmal. Ich mag diese Szenerie jeweils sehr.
Abends ging ich mit meiner Gastmutter Nina ins klassische russische Theater, wo wir uns ein komödiantisches Stück über eine nicht ganz optimal verlaufende Wohnungsvermietung anschauten. Ich verstand zwar nicht gerade allzu viel, aber irgendwie machte es trotzdem Spass, dem bunten Treiben auf der Bühne zuzuschauen. In der Pause versuchte ich, mit meinen Sitznachbarinnen, allesamt Lehrerinnen älteren Semesters, ein Gespräch über mich, meine Herkunft und meine Tätigkeiten in Ulan-Ude zu führen, was dank meines Wörterbuches und Anwendung von Gesten auch irgendwie gelang.
Später sah ich wie üblich abends fern, und versuchte, einige Gesprächsfetzen, die der Fernseher von sich gab zu verstehen. Ich habe bereits eine Lieblingsserie im russischen Fernsehen, Papa i Dotschki (Vater und Töchter), welche ich nach Möglichkeit jeden abend schaue. Es ist eine äusserst witzige Sitcom über einen Vater, der als Psychologe arbeitet und zu Hause vier sehr expressive Töchter sitzen hat, welche sich ständig in irgendwelche Streitereien und Intrigen verstricken. Ich verstehe dabei sogar meist einige wichtige Informationen und kann so ungefähr den Gesprächen folgen, was mich jeweils freut.

Sonntags liess ich mir viel Zeit mit Aufstehen und las dann fast den ganzen Tag durch, bevor ich noch ein wenig draussen spazieren ging. Dabei begab ich mich an die Bahnlinie der Transsibirischen Eisenbahn und beobachtete beeindruckt die vielen Güterzüge, die alle paar Minuten etwa kilometerlang vorbeiratterten.

Insgesamt war mein Wochenende eher ruhig, beinahe etwas zu ruhig. Darum freue ich mich, unter der Woche wieder an die Uni gehen zu können, da ich da einerseits mein russisch verbessere und andererseits auch ständig irgendwelche neuen Leute kennenlerne, die mehr über mich und meine Herkunft erfahren möchten.

Freitag, 10. Oktober 2008

Unterrichten in einer 8. Klasse - Landeskunde

Heute war für mich vom Tagesprogramm her wieder ein besonderer Tag. Ich durfte nämlich heute vor einer achten Klassen eines Schulhauses etwas ausserhalb des Zentrums eine Schulstunde über die Schweiz leiten.
Nach dem üblichen Morgenprogramm zu Hause mit einem reichhaltigen Frühstück und einem Kampf mit der Hauskatze Tschernowa, die meiner Meinung nach dringend mal einen Tierpsychologen aufsuchen sollte, aber sowas gibt es hier in Sibirien (zum Glück, eigentlich) wohl noch nicht. Ich werde mich ja möglicherweise doch irgendwann mit ihr besser verstehen, wenn sie sich an mich gewöhnt hat, was ich momentan aber eher bezweifle.
Jedenfalls ging ich wie gewöhnlich um 11 Uhr zur Uni, wo mich auf dem Weg ein strahlender Tag mit wolkenlosem Himmel begrüsste. Nach einer Stunde Unterricht mit Wladimir mussten wir bereits aufbrechen, um pünktlich in der anderen Schule anzukommen.
Nach einer halbstündigen Fahrt mit dem Bus kamen wir schliesslich dort an, und eine Schar von etwa 12 jährigen Kindern nahm mich im Klassenraum freudig in empfang. Ich erzählte ihnen auf deutsch einige Dinge über mich und meine Heimat, wobei sie mir sehr aufmerksam und interessiert zuhörten. Da sie erst im ersten Jahr deutsch lernen, musste die Lehrerin eigentlich alles übersetzen, was jedoch nichts ausmachte. Nach der Stunde bedankten sich die Schüler und die Lehrerin ausgiebig, und machten mich darauf aufmerksam, dass ich gerne bald einmal wiederkommen könne.
Ich erlebte den Kontakt mit den Schülern als äusserst herzlich, so versuchten sie auch, als ich sie später im Flur nochmals sah, sich von mir auf deutsch zu verabschieden.

Auf dem Rückweg zur Uni konnte ich vor dem Lenindenkmal eine Szene beoabachten, die sich hier laut Wladimir jeden Freitag und Samstag etwa gleich abspielt. Unzählige Brautpaare und ihre Familien und Freunde begeben sich im 10 Minutentakt vor das Denkmal, schiessen einige Fotos des Brautpaares und brausen dann in einer laut hupenden Wagenkolonne durch die Stadt davon. Dabei fiel mir besonders das zarte Alter der Brautpaare auf, die wohl erst knapp über 20 Jahre alt sind.

Für heute Nachmittag bin ich mit einer Gruppe von Studenten für einen Besuch im burjatischen Museum verabretet, wobei es mir und den Studenten vor allem darum geht, sich gegenseitig ein wenig kennenzulernen, worauf ich mich auch freue.

Der kleine Junge mit der Kartonkistenkatze

Nach einem kleinen Zwischentief, habe ich gestern wieder Mut gefasst und mir vorgenommen, alle fremden Situationen nicht als Unannehmlichkeiten sondern als Chancen zu sehen. Nach dem Schulunterricht beschloss ich daher, noch ein wenig in der Stadt in der Fussgängerzone spazieren zu gehen.

Ich lief die ganze Stasse ab, bis ich zu einer wunderschönen weissen Kirche mit blauen Dächern kam, wo ich eine Weile innehielt und das Bauwerk bestaunte. Auf dem Rückweg beschloss ich, noch einen kleinen Abstecher in ein Geschäftshaus zu machen, wo ich einige Tage zuvor eine Reklame für ein Musikgeschäft gesehen hatte. Das Geschäft erwies sich als ziemlich leer und dadurch relativ unspannend, weshalb ich mich schnell wieder entschied, zurückzugehen. Auf dem Weg nach draussen begegnete ich im Flur des Gebäudes einer Szene, die mich irgendwie sehr berührte: Ein kleiner burjatischer Junge zog beobachtet von einigen jüngeren Damen ein Kartonding an einer Schnur hinter sich her, was sich bei nährem Hinsehen als Katze herausstellte. Seine Mutter hatte ihm diese wohl aus einer einfachen Kartonkiste gebastelt und mit einem Katzengesicht verziehrt. Der Junge schien dabei sehr glücklich. Er hatte zwar wenig, war aber damit zufrieden und lechzte nicht nach hunderfränkigen Plastikspielwaren, die bei der Betätigung eines Knopfes komische Laute von sich geben.

Eine zweite kleine Alltagsszene, welche meine Aufmerksamkeit auf sich zog, spielte sich in der nähe des grossen Lenindenkmals ab. Zwei jugendliche Mädchen waren eifrig damit beschäftigt, möglichst vorteilhafte Fotos von sich zu schiessen, wobei sie immer wieder leicht theatralische Posen einnahmen, die mir die Lieblingsbeschäftigung von gewissen westlichen Jungendlichen im Myspacezeitalter in Erinnerung riefen. Sie leben zwar in Sibirien, sind aber dadurch doch nicht so anders, als man es vielleicht meinen könnte, wurde mir dabei bewusst.

Eine dritte Szene, welche ich liebend gerne fotografisch festgehalten hätte, was jedoch die Szenerie nur bedingt authentisch wiedergeben hätte, spielte sich am festlich gedeckten Tisch in unserer Wohnung ab. Dascha hatte gestern Geburtstag und so lud ihre Mutter einige ihrer verwandten ein. Es gab sehrviel zu essen, und auch einiges zu trinken (wobei der Wodka den älteren vorenthalten blieb...). Schnell kristallisierte sich für mich Nina Wladimirowna, Daschas Patentante, als interessanteste Person heraus. Ihre etwas ruppige aber doch liebenswerte Art erinnerte mich an das klischeetierte Bild einer strengen Babuschka (Grossmutter). Mir blieb dabei besonders der Moment in meiner Erinnerung haften, als sie genüsslich in einen vom gegessenen Fisch übrigen Fischkopf biss, und mit den Zähnen das letzte, was davon noch essbar war, abkratzte und heraussaugte. (Da wir in der Nähe des Baikalsees leben, gibt es hier sehr oft Fisch, einige davon isst man auch roh, was jedoch gar nicht übel schmeckt, wie ich selbst bestätigen kann. Auch Kaviar, der hier zwar auch als Delikatesse gilt, aber trotzdem zahlbar bleibt, schmeckt besser als ich es erwartet hätte.)

Am liebsten würde ich momentan alles, was ich sehe irgendwie festhalten und als handfeste Erinnerung behalten, was jedoch logischerweise nicht möglich ist. Mit Fotografieren halte ich mich momentan noch eher zurück, da ich zuerst alles mit meinen eigenen Augen und nicht durch das kleine Fensterchen meiner Kamera sehen möchte. Ich werde jedoch sicherlich mit einer bunten Sammlung aus alltäglichen und nicht alltäglichen Bildern nach Hause zurückkehren.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Marschrutka

Der Verkehr in Ulan-Ude läuft in vielerlei Hinsicht etwas anders als nach westeuropäischem Standart. Einerseits muss da sicher die für mein Empfinden chaotische ungeordnete Situation auf den Strassen genannt werden. Nach Markierungen sucht man meist vergeblich, Vortrittsschilder gibt es eigentlich nicht, sondern man ordnet sich einfach irgendwie in den Verkehr ein, wie es halt gerade geht. Gleiches gilt auch für die Fussgänger, welche sich meist irgendwie über die vielbefahrenen Strassen schlängeln, da Fussgängerstreifen zwar existieren, aber äusserst rar sind.
Der öffentliche Verkehr läuft einerseits über eine Strassenbahnlinie, welche das wohl bequemste und schnellste Verkehrsmittel in der Stadt ist. Man besteigt die Bahn und zahlt pro Weg 8 Rubel, egal wohin die Fahrt genau geht. Dies ist für uns an Tarifzonenpläne gewohnte Schweizer natürlich ungewohnt, erleichtert das ganze jedoch erheblich. Soviel ich bis jetzt weiss, gibt es nur eine Linie entlang der Hauptverkehrsachse.
Der restliche Verkehr verläuft grösstenteils mit Marschrutkas - Kleinbussen, die als Sammeltaxis funktioniern. Sie haben eine bestimmte Nummer und Linie, die sie abfahren. Man wartet auf sie an bestimmten Haltepunkten und macht auf seinen Einsteigewunsch mit Handzeichen aufmerksam. Nach dem Einstieg in den engen Passagierraum bezahlt man dem Fahrer 12 Rubel. Wenn man zu hinterst sitzt, muss man das Geld zuerst durch andere Fahrgäste nach vorne reichen lassen, was mit einer grossen Selbstverständlichkeit geschieht. Will man aussteigen, so muss man den Fahrer durch Rufen darauf aufmerksam machen.

Ich bin nun bereits mehrere Male damit gefahren, und erlebte die Fahrt bis jetzt immer als relativ mühsam und belastend. Nicht, weil mich die vielen Schlaglöcher irgendwie aus der Ruhe bringen konnten - daran gewöhnt man sich schnell. Das belastende an der ganzen Situation ist für mich die die enge des Fahrgastraumes und die dadurch bedingte Nähe zwischen den verschiedenen Mitfahrenden. Ich werde dabei durch mein noch ungeübtes Verhalten schnell als Fremder oder Ausländer erkannt, was mir manchmal das Gefühl gibt, wie ein Fremdkörper zu wirken. Dieses Gefühl ist relativ unangenehm und in mir kommt dabei jeweils der Wunsch auf, auch wie die anderen zu sein, perfekt russisch sprechen zu können und bereits mit dem russischen Leben vertraut zu sein. Die Marschrutkas sind der Ort, wo mir am meisten bewusst wird, wie fremd mir diese Stadt, das Land und die Sprache noch sind, was mir schon ein wenig zu schaffen macht. Eigentlich ist diese Situation aber sehr natürlich und logisch. Ich kann mich nicht von einem Tag auf den anderen perfekt aklimatisieren - das schafft keiner, auch wenn ich diesen Wunsch insgeheim hege.

Vielmehr muss mir bewusst werden, dass ich diese Konflikte und unangenehmen Situationen als Herausforderung annehmen muss, um einerseits menschlich stärker zu werden und mich andererseits der hiesigen Kultur schneller anzunähern. Ich muss mir bewusst sein, dass ich momentan noch ganz klar als Fremdkörper durch die Stadt laufe und auch schnell als solcher erkennbar bin. Ich möchte jedoch im Laufe meines Aufenthaltes erreichen, dass ich mich nicht mehr als Fremder fühlen muss, auch wenn ich es immer zumindest ein wenig bleibe.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Erster richtiger Schultag

Da gestern abend zu späterer Stunde spontan noch ein Freund von Dascha vorbei kam, und mit seinen spärlichen Englischkenntnissen so viel wie möglich über mich erfahren wollte, schlief ich nicht extrem viel, bis ich heute um 7 Uhr von meinem absichtlich extrem nervigen Weckton (ein Pariser Strassenmusiker, der überhaupt nicht spielen kann) meines Handys aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich gewöhne mich bereits langsam an die neue Wohnsituation und finde mich so auch im Dunkeln auf dem Weg ins Badezimmer relativ gut zurecht.
Nina, die die ganze Nacht über gearbeitet hatte und gerade nach Hause kam, als ich aufstand, liess es sich wiederum nicht nehmen, mir ein reichhaltiges Frühstück aufzutischen. Wir versuchten auch erstmals, so gut es ging nur russisch zu sprechen.
Da die Zeit relativ knapp war, musste ich leider bald den Tisch verlassen und zusammen mit Dascha unsere Wohnung in der Uliza Moskovskaja Haus Nr. 4 41. Wohnung auf der 1. Etage des dritten Einganges (Russische Wohnungsbezeichnungen sind jeweils auf den ersten Blick sehr kompliziert, aber eigentlich sehr praktisch und logisch) verlassen. Draussen war es noch relativ kalt (-1 Grad) und die nächtliche Dunkelheit hatte sich noch nicht wirklich verzogen, während sich bereits der übliche Morgenverkehr durch die Strassen kämpfte.
In der Schule wurde ich wiederum von meinem Deutschlehrer Wladimir Ivanowitsch empfangen, um in den folgenden vier Lektionen zusammen russisch zu lernen. Der Unterricht gestaltete sich ziemlich locker und die Zeit verging erstaunlich schnell, und zu meinem Erstaunen kam ich auch schnell wieder mehr oder weniger gut mit den russichen Fällen und Verbformen zurecht. Nach dem Unterricht gönnten wir uns den obligaten Schwarztee, der in Russland immer und überall serviert und getrunken wird, da einerseits die winterliche Kälte zum Genuss von Heissgetränken einlädt und andererseits die Trinkwasserqualität nicht gerade hervorragend ist.

Nun ist es Mitag und mir steht der Nachmittag zur relativ freien Verfügung, bevor ich am frühen Abend mit meiner Gastfamilie auf dem Markt Lebensmittel einkaufen und tragen helfen werde. Bis jetzt habe ich ausser meiner Gastschwester noch keine wirklichen Freunde gefunden, aber ich hatte bisher auch noch kaum direkten Kontakt zu den Studenten. Ich wurde heute aber von einer Praktikantin angefragt, ob ich freitags etwas mit ihrer Klasse unternehmen möchte, worauf ich mich natürlich sehr freue.

Montag, 6. Oktober 2008

Zweiter Tag - Erster Kontakt mit der Schule

An meinem zweiten Tag musste ich nicht gleich extrem frueh aufstehen und konnte mir so viel Zeit lassen, bevor ich den Weg zur Uni antrat. Meine Gastmutter Nina hatte zum Fruehstueck Blini, russiche Omeletten, gemacht und umsorgte mich auch sonst sehr gastfreundlich.
Auf dem Weg in die Fakultaet musste ich mich mehrmals ueber die dicht befahrenen Strassen kaempfen, was hier in Ulan-Ude durch das oftmalige Fehlen von irgendwelchen Fussgaengerstreifen relativ viel Mut und Aufmerksamkeit erfordert.
Da ich nicht genau wusste, wo ich mich im Fakultaetsgebaude melden sollte, wartete ich zuerst laengere Zeit im Gang, bevor ich endlich das richtige Zimmer fand, wo mich Wladimir bereits etwas ungeduldig erwartete. Er uebergab mich sogleich an die Sekretaerin Nataljia, welche mit mir zusammen die administrativen Formalitaten fuer die Registration in der Stadt absolvierte. Spaeter besprach ich mit Wladimir unseren ungefaehren Stundenplan, bevor er mich bereits in eine seiner Klassen schickte, wo ich mich waehrend einer halben Stunde mit drei jungen Schuelerinnen ueber meine Heimat und meine Plaene unterhielt. Sie zeigten sich sehr interessiert und stellten zu meiner Freude immer wieder Fragen. Insgesamt war ich sehr positiv ueberrascht von ihren Deutschkenntnissen. Danach unterhielt ich mich im Lehrerzimmer noch mit der stellvertredenden Direktorin, welche sich mit mir vor allem ueber kulturelle Unterschiede zwischen Europa und Sibirien unterhalten wollte. Bevor ich das Universitaetsgebaude verliess, hatte ich noch die Gelegenheit, mit Natascha zu sprechen. Sie ist eigentlich Schuelerin, absolviert momentan jedoch ein Praktikum als Lehrerin.
Danach verliess ich das Gebaeude und streifte etwas durch die Stadt, um schliesslich endlich ein Internetcafe zu finden, um diese Zeilen niederzuschreiben. Im weiteren Tagesverlauf werden wir voraussichtlich noch ein buddhistisches Kloster besuchen, da Dascha Buddhistin ist und das Kloster auch sonst als Sehenswuerdigkeit gilt. Morgen beginnt dann mit vier Stunden pro Tag mein Russischunterricht.

Im Allgemeinen habe ich bis jetzt nur positive Begegnungen erlebt, und freue mich bereits darauf, noch mehr Studenten kennenzulernen und mit ihnen moeglicherweise auch bald in der Freizeit etwas zu unternehmen. Der grosse Kulturschock ist bis jetzt augeblieben. Ich nehme die jeweiligen Unterschiede nicht als Belastung, sondern vielmehr als spannende Herausforderungen an.

Erster Tag

Bedingt durch die Tatsache, dass der Zeitunterschied von Moskau nach Ulan-Ude weitere 5 Stunden (insgesamt 7 Stunden zur Mitteleuropaeischen Zeit), landete unser Flugzeug nach 5,5 stuendigem Flug um 8 Uhr morgens am kleinen Flughafen etwas ausserhalb der Stadt. Im Anflug auf den Flughafen ueberflogen wir die ganze Stadt, womit ich bereits einen kleinen Ueberblick gewinnen konnte. Zur Begruessung lachte uns bereits die im Dunst aufgehende Sonne entgegen, es war aber allgemein bereits ziemlich kalt. Im Flughafengebaede nahm mich dann sogleich Wladimir, mein Deutschlehrer, in Empfang, der mich sofort erkannt und angesprochen hatte. Auf dem Weg in die Stadt erklaerte er mir die wichtigsten Informationen ueber die Stadt und schon bald standen wir vor der Tuere meines neuen Zuhauses fuer die naechsten 4 Monate.
Am Eingang erwartete mich bereits meine Gastmutter Nina, die wie ich sogleich merkte, burjatischer Abstammung ist. In Ulan Ude leben etwa ein drittel Burjaten, ein asiatischer Volksstamm, der aeusserlich den Mongolen sehr aehnlich sieht und auch damit verwandt ist. Nach einigen schwerfaelligen Versuchen, gemeinsam auf russisch ins Gespraech zu kommen, fragte sie mich nach kurzer Zeit, ob ich moeglicherweise franzoesisch spreche. Sie habe diese Sprache frueher einmal studiert, erklaerte sie spaeter. Die Freude ueber diese unerwartete Erleichterung der ersten kennenlernenden Kommunikation war meinerseits auch relativ gross, da mein Russisch sich bisher noch nicht fuer richtige Gespraeche eignet... Nach einer kurzen Fuehrung durch ihr bescheidenes Heim und dem Zeigen meines Zimmers, tranken wir gemeinsam Tee und stellten uns gegenseitig genauer vor. Ich erzaehlte von meiner Heimat, meiner Familie und meinen Zukunftsplaenen. Fuer Nina war es jedoch keineswegs die erste Begegnung mit einem deutschsprachigen Auslaender, ihre Familie hatte vor mir bereits um die 15 andere Gaststudenten beherbergt.
Nach einer Weile musste Nina sich bereits wieder verabschieden, da sie noch arbeiten gehen musste. Sie arbeitet 7 Tage in der Woche und hat neben ihrem Beruf als Psychologielehrerin an einer Kunstschule noch einen Job als Telefonseelsorgerin und Kinderbetreuerin. Ich legte mich zwischenzeitlich schlafen, da ich auf Grund des Zeitunterschieds sehr muede war. Als ich spaeter wieder erwachte, lernte ich auch endlich meine 20 jaehrige Gastschwester Dascha kennen. Sie studiert im letzten Studienjahr deutsch an der Fakultaet, wo ich nun auch russisch lerne und spaeter deutsch unterrichten werde. Durch diese Tatsache erleichterte sich unsere Kommunikation natuerlich massiv. Ich machte ausserdem Bekanntschaft mit der kleinen schwarzen Hauskatze Tschernowa, welche sehr verspielt, aber auch etwas agressiv ist.
Da ich nicht sehr lange geschlafen hatte, legte ich mich spaeter nochmals hin und schlief bis zum Einsetzen der Abenddaemmerung. Danach ging ich mit Dascha den den kurzen Weg in die Innenstadt zu Fuss und sie zeigte mir, wo ich am naechsten Tag zur deutschen Fakultaet der Uni gehen musste. Den spaeteren Abend verbrachten wir mit Fernsehen und ersten russischen Gespraechsversuchen, bevor ich mich erschoepft von der Reise und den ersten Eindruecken ins Bett legte.

Anreise

Am Samstagmorgen wurde ich schon sehr frueh vom nervtoetenden Gepiepse meines Weckers aus meinem zu kurzen Schlaf geweckt. Schnell die ueblichen Morgenaktivitaeten absolviert, nachgeschaut, ob ich auch nicht's superwichtiges vergessen hatte, und schon ging es auf zum Flughafen. Vor lauter Nervositaet ueberliess ich das Sprechen lieber meiner Familie und ging auf dem Weg gedanklich noch geschaetzte tausend mal mein Gepaeck auf der Suche nach Vergessenem durch. Da ich bereits am Vorabend eingecheckt hatte, konnte ich mir muehseliges Anstehen ersparen und direkt zur Passkontrolle schreiten, um mich von meinen Eltern und meiner Schwester zu verabschieden (Fuer 2 Freunde, die eigentlich kommen wollten, war dann das Ganze doch etwas zu frueh...)
Kurz nach 8 Uhr hob dann das Flugzeug auch endlich ab, und ich konnte nur kurz einen Blick auf meine Heimat zurueckwerfen, bevor wir die Wolkendecke durchbrachen. Ich flog ueber Wien, dann weiter nach Moskau, wo ich lange 6 Stunden am Flughafen aussharren und auf meinen Weiterflug nach Ulan-Ude warten musste. Ich vertrieb mir die Zeit mit Surfen im Internet, was ich im Angesicht der ueberrissenen Moskauer Preise relativ kurz gestalten musste, einer kurzen Zwischenmahlzeit, wobei mich der Geschmack russischer Pizza noch nicht so wirklich begeistern konnte, und verbrachte Stunden damit, in verschiedensten Wartehallen des Flughafens zu sitzen und durch das Beobachten der Leute einen ersten Eindruck der Russen zu bekommen und mit der mittlerweile aufkommenden Muedigkeit zu kaempfen.
Um halb 10 Uhr Abends nach Moskauer Zeit hob dann endlich mein Flugzeug zum Weiterflug ab. Ich war wahrscheinlich der einzige Auslaender an Bord und versuchte darum so gut wie moeglich russich zu sprechen, auch wenn ich nicht wirklich verstand, was die Stewardessen uns Passagieren jeweils mitteilen wollte.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Mein Programm

Ich möchte euch hier einen kleinen Einblick ein mein ungefähres Programm geben, wonach ich mich in Ulan Ude richten werde.

Am Samstag 4. Oktober verlasse ich frühmorgens am Flughafen Zürich-Kloten die Schweiz. Via Wien und Moskau geht's dann mit dem Flugzeug bis nach Ulan Ude.

In den ersten 2 Monaten werde ich mich relativ intensiv mit der russischen Sprache auseinandersetzen, welche mir mein Lehrer in 20 Einzelstunden pro Woche beibringen wird.

In der zweiten Hälfte meines Aufenthalts, werde ich mich als Deutschlehrer an einer russischen Schule versuchen. Man muss sich dabei im klaren sein, dass der Unterricht in Russland etwas anders abläuft als an hiesigen Schulen. Ich werde dabei weniger die Rolle eines echten Lehrers übernehmen, sondern vielmehr als Botschafter der deutschen Sprache die Schüler beim Lernen motivieren und mit ihnen vor allem sprachlichen und kulturellen Austausch betreiben.

Während der Weihnachtszeit fällt der Unterricht aus und ich werde die Möglichkeit haben, den russisch-orthodoxen Feierlichkeiten beizuwohnen, welche nicht nur durch ihre zeitliche Verschiebung (2 Wochen später als in den meisten anderen christlichen Ländern) sicherlich einiges an Ungewohntem und Spannendem zu sehen geben werden.

Mitte Januar werde ich mich von Ulan Ude verabschieden müssen, um mit der Transsibirischen Eisenbahn die 5600 km bis nach Moskau unter die Räder zu nehmen. Als Abschluss möchte ich voraussichtlich noch einige Tage Urlaub in der Hauptstadt verbringen, bevor ich mich am 1. Februar zur Heimreise an den Flughafen begeben werde.

Noch 3 Tage

Es bleibt noch wenig Zeit bis zu meinem Abflug am Zürcher Flughafen. Noch drei Nächte verbleiben mir, in denen ich in heimischer Atmosphäre im eigenen Bett vom Fernen Osten träumen kann, bis der Traum endlich Realität wird! Die Koffer warten bereits sehnlichst darauf, endlich fertig gepackt zu werden, die wichtigsten Einkäufe wurden bereits getätigt, viele Freunde bereits verabschiedet - es kann also bald losgehen!

Viele haben mich gefragt, was ich im kalten Sibirien eigentlich so lange tun möchte, und warum ich mir gerade diesen für viele unwirtlichen Ort für meinen Auslandsaufenthalt ausgesucht habe. Die Antwort auf diese Frage ist für mich relativ einfach: Einerseits möchte ich meine äusserst spärlichen Russischkenntnisse verbessern, da mich diese Sprache an sich fasziniert und sie durch die steigende Popularität der russischen Wirtschaft und Kultur auch in unseren Gefilden an Wichtigkeit zulegt, andererseits suche ich auch bewusst nach dem Fremden, nach einer Art des positiven Kulturschocks, wie ich ihn so weit weg von zuhause sicherlich erleben werde. Vieles wird anders sein als ich es mir vom täglichen Leben hier in Westeuropa gewohnt bin, aber genau das suche ich und ich freue mich darauf, mich bald dieser Herausforderung stellen zu können. Ich hoffe, dass meine Offenheit mit einer Vielzahl von positiven Erlebnissen mit der einheimischen Bevölkerung belohnt wird. Gleichzeitig ist es mir bewusst, dass gewiss auch Reibereien auftreten können zwischen mir als Fremdkörper und ihren heimischen Sitten und Gebräuchen. Deshalb sind gewisse Konflikte und Kompromisse auf beiden Seiten wohl unumgänglich, aber genau diese erhalten die Spannung und stärken einen als Mensch.

Mein Ziel für die kommenden 4 Monate ist, dass ich mich nach einigen Wochen relativ reibungslos in den Alltag der 390'000-Einwohner-Stadt Ulan Ude eingliedern kann und menschlich viele neuen wertvollen Begegnungen erleben und geniessen darf.

Während meines Aufenthalts werde ich versuchen, so oft wie möglich von meinen alltäglichen und weniger alltäglicheren Erlebnissen im kalten Osten berichten zu können, und so euch in der Heimat ein Bild von meinem russischen Alltag zu vermitteln. Da in Sibirien die Kommunikation des Webzeitalters noch nicht ganz unserem Hochgeschwindigkeitsstandart entspricht, wird sich vor Ort zeigen, wie oft ich hier von mir berichten werden kann.