Im Einzelunterricht mit Wladimir Iwanowitsch kommt es immer wieder vor, dass wir für eine Weile vom Thema des Lehrmittels abschweifen und über die Unterschiede zwischen meiner - der schweizerischen, europäischen - und seiner - der russischen - Kultur zu sprechen kommen. Ich erklärt ihm dabei Bräuche und Eigenheiten, die er auf Fotografien aus der Schweiz gesehen hatte und nicht genau verstand. So zum Beispiel der alljährlich am Zürcher Sechseläuten verbrannte Böögg oder traditionell urschweizerische Sportarten wie Unspunnensteinwerfen, Schwingen oder Fahnenschwingen. Er ist dabei jeweils sehr interessiert und ich selbst bin manchmal erstaunt, wie viel von diesen Bräuchen ich trotz meinem eigentlich Desinteresse kenne.
Nun kam in unserem Lehrmittel das Thema Wohnen vor. Dieses Stichwort verleitete Wladimir Iwanowitsch (ich schreibe absichtlich jeweils den Vornamen und den Vatersnamen, da sich dies anders als bei uns üblich ist) dazu, mir die russische Gesellschaft etwas besser zu erklären, beziehungsweise mich auf die herrschenden Probleme aufmerksam zu machen. Als bereits etwas älterer Herr hat er die Zeit des Umbruchs in Russland, die Perestrojka, selbst als Erwachsener erlebt. Er zeigte mir anhand von Beispielen auf, dass unser harmonisiertes Bild aus westlicher Sicht, die wir die Perestrojka fast ausschliesslich als positive Demoktratisierung und Befreiung aus den Klauen des Kommunismus ansehen, doch etwas zu einseitig und teilweise schlichtwegs falsch ist. Zu aller erst kann man das heutige Russland noch keineswegs als eine gesunde Demoktratie bezeichnen. Vielmehr fühlen sich die Leute, welche es durch Glück oder harte Arbeit geschafft haben, ein kleineres oder grösseres Vermögen anzuhäufen, zwar frei und sehen sich in dieser Hinsicht auch als Teil eines demokratischen Gefüges, verhalten sich aber durch diese Haltung bedingt eigentlich sehr egoistisch und verstehen unter Demokratie vor allem, dass sie für sich selbst alles kaufen können, was sie wollen und somit eine freie Wahl haben. Dies führt jedoch häufig zu starkem Egoismus seitens der Reichen und Neureichen, was den Missmut in der Bevölkerung ihnen gegenüber verstärkt und eine Demokratisierung nach dem Prinzip der Chancengleichheit verhindert.
In der breiten Bevölkerung sieht die Lage nämlich ganz anders aus. Die Menschen sind zwar seit der Perestrojka grundsätzlich frei, haben aber gar keine Möglichkeit mehr diese Freiheit auszukosten. Vielmehr ist das Leben der meisten "einfachen" Leute von ständiger Arbeit oder der Suche nach Arbeit geprägt. Meine Gastmutter arbeitet beispielsweise 7 Tage pro Woche. Sie hat etwa 3 verschiedene Beschäftigungen, welchen sie als Psychologin - in unserer europäischen Gesellschaft ein eher gut Bezahlter Mittelklassenjob - nachgeht. Trotzdem beklagt sie sich über die ständige durch die Inflation bedingte Teuerung der Produkte. Darum ist sie auch froh über den finanziellen Zustupf, den ihr meine Anwesenheit bei ihr in der Wohnung bringt.
Auch die Altersvorsorge ist heute in Russland desolat. Mit einer Rente, die knapp die Wohnungsmiete deckt, würde mein Lehrer wohl kaum ein einigermassen angenehmes Leben führen können. Darum arbeitet er immernoch, obwohl er mit seinen 67 Jahren eigentlich schon länger pensioniert wäre. Er ist sehr froh über diese Möglichkeit, da ansonsten sein Lebensstandart massiv sinken würde.
Auch die bei uns übliche Situation, dass Jugendliche mit 20 oder etwas mehr Jahren bereits von zu Hause in eine WG oder ähnliches ziehen, findet sich hier kaum. Der Arbeitsmarkt bietet praktisch keine Jobs für Studenten, die Arbeitslosigkeit ist ohnehin hoch, Wohnungsmieten sind unverhältnismässig teuer, so bleibt den Jungen nur übrig, weiter zu Hause zu wohnen.
Diese und noch viel mehr Probleme, waren durch die strenge Regulierung während der Sowjetzeit weniger oder gar nicht vorhanden. Klar war man an sich weniger frei als heute, hatte in den Läden nicht die freie Auswahl, die man heute hat. Trotzdem herrschte damals eine gewisse Sicherheit, die nun vielen Russen fehlt. Nach der plötzlichen Demokratisierung mit der Perestrojka klappte die praktische Umsetzung vielerorts nicht, da sich die Bevölkerung gar nicht darauf vorbereiten konnte und somit nicht wusste, wie man damit richtig umgehen sollte. Momentan herrscht in Russland eine Scheindemokratie, vieles ist unklar und in ständigem Wandel, vielen fehlt ein sicherer Pol im Staat. Vielmehr scheint das Land und die Gesellschaft irgendwie vor sich her zu schlittern - mit unklarem Ziel. Deshalb erzählen viele älteren Russen wehmütig von der Zeit vor der Perestrojka.
Bei einem Gang durch die Strassen, fällt einem auf den ersten Blick auch fast nichts von diesen Problemen auf, vielmehr sieht man auf der Strasse die immer zahlreicher werdenden modernen Autos, die gutgekleideten selbstbewusst daherschreitenden jungen Damen in den Fussgängerzonen und die Vielzahl an westlichen und russischen Geschäften, die ein breites Sortiment an Konsumgütern feilbieten. Hinter dieser schönen Fassade herrscht jedoch eine andere Realität. Treppenhäuser in den Wohnblöcken verwahrlosen, weil sich niemand dafür verantwortlich fühlt, alte Menschen müssen von ihren Kindern ernährt werden, um vor der Bettelei gerettet zu werden und so weiter. Es ist mir persönlich auch wichtig, den Blick während meines Aufenhalts vermehrt auch hinter diese harmlos wirkende Fassade zu werfen und nicht nur vom schön vor sich hin glänzenden getäuscht und geblendet werden.
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