Dienstag, 28. Oktober 2008

Kehlkopfgesang

Gestern hielt ich meine erste Stunde als Deutschlehrer - oder sowas ähnliches - an der deutschen Fakultät der Uni. Ich hatte eine Gruppe von nur drei Studentinnen, eigentlich sind es vier, aber eine von ihnen hat gerade ein Kind bekommen und möchte nun von zu Hause aus studieren. Jedenfalls war die Atmosphäre in der Stunde sehr locker, ich liess sie zuerst ein wenig über die Biographie Dürrenmatts erzählen, welche sie auf diese Stunde gelesen hatten. Danach widmeten wir uns gemeinsam der Lektüre und hielten immer wieder kurz inne, um Auffälligkeiten und inhaltliche Veränderungen miteinander zu besprechen. Die Arbeit mit ihnen ist für mich sehr angenehm, da sie auch wirklich einen starken Lernwillen zeigen und ziemlich motiviert sind. Weiter entsteht durch die Gleichaltrigkeit eine entspannte Atmosphäre zwischen mir und den Studentinnen.

Für den Abend hatte mir Nina Karten für ein Konzert einer traditionellen Musikgruppe aus Tuwa besorgt, die eine spezielle Gesangsart - den Kehlkopfgesang - beherrschen. Ich kam bereits vor einigen Tagen an der Kulturakademie in den Genuss einer kurzen Kostprobe dieser Gesangstechnik. Klingt im ersten Moment ziemlich fremdartig, schnell entfaltet sich jedoch bedingt durch die Resonanz, welche der Sänger im Bauchraum erzeugt, eine unglaublich schöne gesättigte Wärme, welche einen ganzen Raum zu füllen vermag.
Ich freute mich also ziemlich auf dieses Konzert. Da Nina kurzfristig anderes vor hatte, ging ich mit Dascha dorthin, und ich hatte kurzzeitig schon Angst, dass wir wieder nicht wirklich miteinander reden könnten, wie es früher oft der Fall war, seit sie beschlossen hatte, mit mir nur noch russisch zu sprechen. Ich hatte dabei jeweils eine gewisse Hemmschwelle sie anzusprechen, da sie irgendwie wenig Rücksicht auf mein schlechtes Sprachverständnis nahm und mich auf russisch mit schwierigen wörtern und im normalen schnellen gesprächstempo volltextete. Darum hatte sich leider in den vergangenen Tagen eine gewisse Distanz aufgebaut, die jedoch glücklicherweise auf dem Weg zum Konzert endlich wieder abbrach.
Wir kamen schnell in ein Gespräch über unsere unterschiedlichen Lebensumstände - sie in Russland und ich in Westeuropa - und sie erzählte mir einiges über ihre Arbeit in einem Cafe und über ihre geplante Reise nach China (Wellnessurlaub undso mit Freundinnen, da dort vieles billig ist). Die meiste Zeit sprachen wir russisch, aber zwischendurch auch wieder deutsch, wo es nicht mehr ging. Ich glaube wir können nun offener aufeinander zugehen, und uns nicht einfach durch eine schicksalshafte Wendung unter gleichem Dach lebend betrachten. Ende der Eiszeit.

Das Konzert war wunderbar. Die vier Sänger von asiatischer Abstammung vermochten mit ihren traditionellen Instrumenten und ihren fabelhaften Stimmen, eine in gewisser Hinsicht fast sphärische Musik erklingen zu lassen, was ich ausserordentlich mag. Gleichzeitig spielten sie auch immer wieder stark rythmische Stücke, welche das Publikum regelmässig zu Begeisterungsrufen bewegten - teilweise erinnerte es mich schon fast an ein heimisches Popkonzert. Das Ganze endete in einer wilden Fusion aus traditioneller Musik und Blues, welche durch das dazukommen eines Gitarristen und eines Mundharmonikaspielers zu stande kam. Genial! Ich muss mich nach CDs mit solcher Musik umschauen, oder am besten noch ein Konzert dieser Gruppe schauen gehen. Mal sehen.

Ja, wiederum ein rundum guter Tag.

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