Man hat mich bereits vor meiner Abreise vorgewarnt: In Russland ist die schweizerische Art der Durchgeplantheit und Puenktlichkeit im Tagesablauf selten anzutreffen. Genaue Fahrplaene oder aehnliches gibt es meist nur im ueberregionalen Zug- oder Flugverkehr, wohingegen in der Schweiz jede noch so unbedeutende Busverbindung einen auf die Minute genau festgesetzten Fahrplan besitzt. Bei Verspaetungen klingeln gleich die Telefone in den SBB-Bueros. Hier ist das anders, man steht einfach einmal an die Haltestelle und wartet, bis das gewuenschte Verkehrsmittel vorfaehrt. Manchmal sind gar sportliche Hoechstleistungen erforderlich, um die Fahrer der Minibusse auf sein Mitfahrbeduerfnis aufmerksam zu machen. Ich finde das gar nicht so schlimm, man muss halt ein paar Minuten Reserve einsparen, gleichzeitig sitzt einem nicht die Angst im Ruecken, eine Minuten zu spaet zu kommen und so seinen Bus zu verpassen.
Diese Spontanitaet findet sich nicht nur im oeffentlichen Verkehr, sondern auch in den meisten anderen Alltagsdomaenen. Gestern war wieder ein solcher Tag. Urspruenglich hatten mir vor ein paar Tagen die selben Studentinnen, mit denen ich schon im ethnographischen Museum gewesen war, vorgeschlagen, am Samstag gemeinsam ins Iwolginsker Dazan, das Zentrum des Buddhismus in Russland, zu fahren. Am Freitag aenderten sie jedoch ploetzlich ihren Plan und schlugen vor, stattdessen ins oertliche Museum zu gehen, wo eine Ausstellung mit Fotos der Baikalsees zu sehen ist. Ich stellte mich also darauf ein und liess daher meine Kamera zu Hause. Als ich jedoch zur vereinbarten Zeit mich mit den Maedchen getroffen hatte, wollten sie ploetzlich trotzdem ins Dazan fahren. Also machten wir einen weiten Umweg ueber meinen Wohnort, um die Kamera zu holen, denn ohne sie wollte ich nicht dorthin fahren.
Danach liefen wir durch die Stadt zum Busbahnhof, wo wir den Bus nach Iwolginsk nehmen wollten. Dort angekommen merkten wir jedoch, dass wir noch etwas auf den Bus warten muessten und dass die Fahrt ziemlich lange und umstaendlich sein wuerde. Also aenderten meine Begleiterinnen ihre Meinung wiederum, und schlugen vor, auf irgendeinen schoenen Huegel am Stadtrand zu fahren, wo man eine gute Aussicht auf die Stadt haben wuerde. Soweit kam es dann aber doch nicht: Beim warten auf den anderen Bus, der uns dorthin gebracht haette, wurde diese Idee wiederum verworfen.
Schlussendlich gingen wir dann doch ins Museum! Die Fotos vom grossen See gefielen mir sehr gut, spontan fuehlte ich mich durch die Berge und die riesige Wasserflaeche an norwegische Fjorde erinnert, ich muss mich also endlich einmal mit der konkreten Planung meines Ausfluges an den Baikal beschaeftigen. Im Sommer und Herbst sind zwar die Farben und Lichtspiele interessanter, aber die winterliche Ruhe und die Eisformationen sind sicherlich auch sehr faszinierend.
Als wir spaeter noch in einen Buchladen gingen, hatte ich wieder einmal eine dieser interessanten Begegnungen mit einem Einheimischen: Ein nicht mehr ganz junger Herr sass dort in einer Ecke und las irgendwelche Buecher. Als ich in der Naehe mit einer der Studentinnen ueber die Buecher im Regal sprach, hoerte ich ploetzlich von hinten in einem breiten amerikanischen Akzent: "Are you from America?"
Der lesende Mann hatte wohl an meinem nicht ganz akzentfreien russisch und einzelnen Fremdsprachigen Woertern, die ich sagte, gemerkt, dass ich kein Russe bin. Ich erklaerte ihm in einer Mischung aus Russisch und Englisch, dass ich aus der Schweiz komme. Er zeigte mir voller Stolz ein Englischlehrbuch fuer American English, welches er wohl schon vorher eifrig studiert hatte. Er fragte mich dann weiter, ob ich auch Franzoesisch spreche. Ich bejahte. Darauf hin verschwand er in Richtung eines der Buechgestelle und kam mit einem Franzoesischlehrbuch wieder, welches er mir voller Freude zeigte. Er wollte mich daraufhin ueberzeugen, dass ich dieses Buch unbedingt kaufen solle, aber ich versicherte ihm, dass ich die Sprache schon gut beherrsche und mir ein russischsprachiges Franzoesischlehrbuch daher nicht wirklich viel bringt. Er freute sich trotzdem sehr ueber unsere Begegnung und fragte zum Abschluss noch in doch nicht mehr ganz so akzentfreien Englisch nach meinem Namen und nannte mir auch seinen. Juri. Sehr angenehm. Danach verliessen wir jedoch den Laden, da ich keine Lust mehr hatte, weitere Fremdsprachenlehrbuecher angedreht bekommen. Aber er meinte es eigentlich nur gut, war ja kein Verkaeufer.
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1 Kommentar:
haha, de livio de alti amerikaner :P
übrigens heissts SpontanEität.
du arme, so lang kei noii musig...
de musik-sammel-wahn isch doch eh echli übertriebe^^ reha für musik-suchtis :D
en schöne
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