Freitagnachmittag. Ich sitze im Internetcafe und schaue gerade, was in der Heimat so neues geschehen ist (nicht wirklich viel Erwaehnenswertes) und schreibe nebenbei noch ein paar Emails. Nach etwa 10 Minuten spricht mich ploetzlich mein linker Sitznachbar an. Zuerst verstehe ich nicht was er meint, und denke mir schon, dass ich ihn moeglicherweise irgendwie gestoert haben koennte oder so. Durch seine authoritaer wirkende militaerische Uniform werde ich zusaetzlich etwas verunsichert.
Schnell stellt sich jedoch heraus, dass er einfach nur an einem Gespraech interessiert ist. Durch meine ziemlich schnelle Tippgeschwindigkeit auf mich aufmerksam gemacht, hat er bei einem kurzen Blick auf meinen Bildschirm gemerkt, dass ich nicht auf Russisch schreibe und lese, und wollte dadurch erfahren, wer ich bin und woher ich komme. Als ich ihm erzaehle, dass ich auf Deutsch schreibe, denkt er zuerst ich sei aus Deutschland, was ich jedoch schnell verneine. Nachdem ich ihm erzaehlt habe, dass ich aus der Schweiz komme, hat er zuerst gewisse Schwierigkeiten zu verstehen, dass die Schweiz und Schweden zwei grundverschiedene Laender sind, auch wenn sie auf Russisch fast gleich geschrieben und ausgesprochen sind. Wie fast jeder Einheimische, will er auch wissen, was mich ueberhaupt dazu bewegt hat, in die sibirische "Kleinstadt" Ulan-Ude zu reisen und was ich hier genau tue.
Unser Gespraech wurde schliesslich so interessant, dass fuer uns das Geschehen auf unseren Bildschirmen zweitrangig wurde. Vor allem seinerseits kamen sehr viele Fragen ueber mich und meine Heimat, da es fuer ihn das erste Gespraech mit einem Auslaender war, wie er mir sagte! Er stammt aus einer Kleinstadt am Baikalsee und kam erst fuer Arbeit und Studium nach Ulan-Ude. Nun dient er jedoch bereits seit etwa 8 Jahren in der Armee, er hatte nach seiner (frueher) zweijaehrigen obligatorischen Dienstzeit beschlossen, die Offizierslaufbahn einzulschagen und somit mit dem Dienst in der Armee sein Geld fuer sich und seine kleine Familie bestehend aus seiner Ehefrau und einem 2 jaehrigen Sohn zu verdienen. Ewgenji ist bereits 29 Jahre alt.
Er war schliesslich so erfreut ueber unsere spontane Bekanntschaft, dass er mich spontan ins Cafe zum gemeinsamen "Posi" essen und Bier trinken einlud. Fuer ihn, der sonst Auslaender nur aus dem Fernsehen kannte, war diese Begegnung etwas sehr Spezielles und wohl auch Horizonterweiterndes, und auch fuer mich war unser Gespraech sehr interessant und eindruecklich, da ich wohl sonst nie auf die Idee gekommen waere, mit einem auf mich eher einschuechternd wirkenden uniformierten russischen Soldaten zu sprechen. Gegen Ende unseres Gespraechs hatte sich die Kulturbarriere zwischen uns massiv minimiert und ich habe einmal mehr gemerkt, dass der Mensch eigentlich ueberall auf der Welt aehnlich tickt und die gleichen Beduerfnisse, Traeume und Aengste hat.
Ich schaetze solche spontanen Begegnungen mit einfachen russischen Leuten sehr, da sie jeweils gegenseitig einiges zum Abbau altbekannter Vorurteile und Beruehrungsaensten zwischen verschiedenen Voelkern und Kulturen beitragen. Ich erweitere hier also nicht nur meinen sprachlichen Erfahrungsschatz, sondern auch meinen menschlichen.
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