Mittwoch, 14. Januar 2009

Ein bigamer usbekischer Bauarbeiter und andere amüsante Gestalten.

Ich fuhr heute zum aller ersten Mal in einem russischen Fernverkehrszug. Ganz alleine und ganze 8 Stunden lang. Zu Beginn hatte ich schon ein wenig Respekt vor der ganzen Sache, als ich mich nach viel zu wenig Schlaf mit leicht schmerzendem Kopf auf den Weg zum Ulan-Udeer Bahnhof machte. Aber nach einigen Minuten des Wartens fuhr auch schon mein Zug ein. "Wladiwostock-Moskau" stand nach Ehrfurcht trachtend auf den Zugwaggons. Ich hatte also das vergnügen, mich in einen Zug zu setzen, welcher die längste Eisenbahnstrecke der Welt von A bis Z abfährt. Mein voraussichtlicher Aufenthalt an Bord dieses Zuges war jedoch von erheblich kürzerer Dauer: 8 Stunden waren für die ungefähr 450 km nach Irkutsk vorgesehen. Daher hatte ich auch keine besonderen Vorbereitungen bezüglich Proviat gemacht, lediglich etwas zu trinken und was kleines zum knabbern. Ich machte mich auf eine relativ ruhige, wohl eher ein bisschen langweilige Fahrt gefasst, was sich in den ersten paar Minuten nach der Abfahrt auch zu bestätigen schien. Mein gegenüber - ein burjatischer Jüngling etwas über 20 - fragte zwar, wohin ich fahren werde, wandte sich dann jedoch seinen Handykopfhörern zu.
Nach etwa einer halben Stunde kam jedoch Leben in den Zug. Die Fahrgäste begannen langsam, sich gegenseitig miteinander bekannt zu machen - meist mit der Frage nach dem Reiseziel und -zweck beginnend. Mein Gegenüber wurde daraufhin auch neugieriger und begann mit mir zu sprechen. Er merkte erst dann, als es ihm sagte, dass ich ein Ausländer bin. Darauf folgte ein langes Gespräch mit vielen interessierten Fragen seinerseits über das Leben in der Schweiz und meine Eindrücke des russischen Alltags. Auch die obligate Zurschaustellung meiner Familiefotos und des kleinen Schweizreiseführers durfte natürlich nicht fehlen. Auch das ständig strickende Mädchen mit den schönen Augen im Abteil gegenüber begann sich in die Konversation einzumischen. Kleine Zwischenbemerkung: Ich fuhr in einem sogenannten Platzkartenwagen. Dort sind die Abteile gegen den Gang hin offen, somit entstehen schnell Gespräche zwischen den Reisenden.
Viel interessanter als meine Eindrücke in Russland als Westeuropäer wurde jedoch bald die Räubergeschichte, welche der schon nicht mehr ganz junge Mann erzählte, welcher sich ebenfalls im gegenüberliegenden Abteil niedergesetzt hatte. Er - ein Gastarbeiter aus Usbekistan - erzählte uns, wie er in der vergangen Nacht auf dem Weg von Wladiwostock nach Nowosibirsk nach ausgiebigem Wodkakonsum und daraus folgender Unruhestiftung von der Polizei aus dem Zug geworfen wurde. Er musste darauf an einem Bahnhof irgendeine Aussage machen und so weiter, wäre dann aber wieder auf seinen Zug gelassen worden. Nur doof, dass eben dieser Zug bei Beendigung der polizeilichen Amtsarbeit schon angerollt war und die Türen sich nicht mehr öffnen liessen. Sein Gepäck, der schöne neue japanische Fernseher und die Mobiltelefone, welche er für seine Familie in der Heimat gekauft hatte und ebenso sein Zugticket für die Weiterreise nach Taschkent in Usbekistan rollten ihm ebenfalls davon. Er kaufte sich mit seinem letzten Geld dann ein neues Ticket für den darauf folgenden Zug und endete schliesslich in unserem Waggon. Er versuchte immer wieder, seine Freunde im anderen Zug telefonisch zu erreichen, was dann kurz vor der Ankunft in Irkutsk auch irgendwie klappte. Vorher beglückte er mich und meine Mitreisenden noch mit äusserst amüsanten Gesprächsminuten. Er erzählte uns von seinen zwei Ehefrauen - eine im russischen Wladiwostock und eine zu Hause in Usbekistan. Beide haben Kinder von ihm, und eine Tochter seiner usbekischen Frau bereitet sich gerade auf ihre baldige Hochzeit vor, an der ihr Papa natürlich nicht fehlen darf. Weiter sprach er mit mir beim Blick auf die kleinen sibirischen Dörfer am Schienenrand nachdenklich über das wohl doch sehr langweilige und gefährliche Leben dort. Er bemerkte auch, dass es doch ziemlich viele Tannenbäume in der sibirischen Taiga gebe. Jedenfalls bescherte er mir und den Anderen Passagieren köstliche Minuten zwischen mitfühlsamem Interesse und amüsierter Belustigung.
Und endlich sah ich auch das grosse berühmte sibirische "Meer" - den Baikalsee. Wirklich ein majestätisches Gewässer, welches die liebevolle Bezeichnung als Meer durchaus verdient hat. Ich klebte lange Zeit am Fenster und genoss die landschaftliche Schönheit des winterlich verschneiten, manchmal ziemlich bergigen Ufers und des glasklaren und an vielen stellen schon zu gefrieren beginnenden Sees. Auch meine Kamera wurde oft gezückt, was zu einigen belustigten Reaktionen seitens einer Gruppe junger Ringkämpfer auf der Weg nach Krasnojarsk führte. Sie belächelten ein wenig mein touristisches Verhalten, was mich jedoch nicht weiter störte.
Zu guter letzt ziegte der schicksalsgeplagte Usbeke noch seine usbekischen Banknoten, was mich dazu veranlasste, unseren Abteilsgenossen ebenfalls ein bisschen Schweizergeld zu zeigen. Während sie mein schön farbiges 20er-Nötchen bewunderten, streckte mir eine junge Frau, welche vorher eher schweigend unseren Konversationen gelauscht hatte, mir eine schweizerische Zehnernote entgegen. Ich war zuerst sichtlich erstaunt darüber, danach klärte sie mich jedoch auf, dass ihr ein Bekannter diese als Souvenier von seiner Reise in die Schweiz mitgebracht hatte. Daraufhin enflammte nochmals kurz ein angeregtes Gespräch, worin es vor allem um meine Herkunft und die Gründe für meinen Russlandaufenthalt ging, wobei das schöne strickende Mädchen diesmal auch sehr viel von mir wissen wollte. Danach waren wir auch schon in Irkutsk und ich half der Zehnfranken-Frau beim Tragen ihrer schweren Tasche bis zum Bahnhofsausgang. Sie fragte noch nach meiner Emailadresse, um mir ab und zu auf Englisch Mails schreiben zu können, um ihr früher gelerntes Englisch zu praktizieren. Ich glaube sie heisst Jana.
Schliesslich stand auch schon mein deutscher Bekannter Sascha neben mir und wir fuhren gemeinsam in seine Irkutsker Wohnung, wo ich mich nun befinde. Die Stadt wirkt schon nach kurzer Zeit ganz anders als Ulan-Ude. Irgendwie grosstädtischer und zivilisierter. Werden sicher spannende 3 Tage hier.

Und eines weiss ich jetzt auch: Meine 4-5 tägige Zugfahrt nach Moskau wird sicherlich spannend und amüsant. In diesen 8 Stunden bis Irkutsk habe ich jedenfalls keine Sekunde daran gedacht, die Zeit mit Dostojewskilesen oder Musikhören totzuschlagen. Zugfahren in Russland ist - zumindest für mich - eine herrliche Art und Weise, in den Genuss von positiver Reizüberflutung zu kommen.

1 Kommentar:

fussgänger hat gesagt…

Хорошо тебе...! tönt spannend und unterhaltsam.
wir haben zufälligerweise gerade gestern im russischunterricht vom baikalsee gesprochen!
ich wünsche dir viel spass - geniess den rest deines aufenthaltes und bring mir tipps für moskau mit...;)
Пока!