Dienstag, 9. Dezember 2008

Eine schwarze Katze mit vollen Eimern

Ich habe bedingt durch die Tatsache , dass die sibirischen Winternächte temperaturmässig doch nicht immer zu ausgedehnten Aufenthalten im Freien einladen, ein neues Hobby gefunden, welches mich nicht dazu zwingt, die warme Stube zu verlassen. Ich LESE. Der abendliche Aufenthalt in einer gut geheizten Wohnung ist zu dieser Jahreszeit weitaus angenehmer als die Fahrt in einer Strassenbahn, in der kühlschrankähnliche Temperaturen Fenster vereisen und gar das Material meiner Freitag-Tasche steifgefrieren lassen.
Nachdem ich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zum zweiten Mal Herrn Lehmann auf seiner grosstadtphilosophischen Kneipentour durch das noch geteilte Berlin begleitet hatte, wollte ich mir wieder einmal etwas völlig neues gönnen. Dies ist jedoch nicht immer allzu einfach, da es mein Russisch einerseits noch nicht erlaubt, ohne Dauerbenutzung meines Wörterbuches zu lesen, und da andererseits deutschsprachige Bücher hier kaum erhältlich sind. Ich fand jedoch beim Blick in das grosse Bücherregal, welches mein Zimmer garniert, neben russischen Übersetzungen englischer Klassiker auch eine deutschsprachige Übersetzung eines russischen Werkes. Nämlich "Wo die Beeren reifen" von Jewgeni Jewtuschenko, welcher scheinbar in Russland doch nicht allzu unbekannt ist.
Ich begann also gespannt zu lesen, wobei mich bereits der Prolog des Romanes sehr faszinierte.

Aus der Erzählperspektive eines älteren Kosmonauten, der sein ganzes Leben auf seinen Flug ins All gewartet hatte, und es nun schlussendlich auch schaffte, wird über die Menschheit und ihre Unperfektheit philosophiert, indem der Kosmonaut aus seinem Raumschiff auf die Erde blickt und über die Menschheit reflektiert. An gewissen Stellen gleicht der Text gar einem Manifest, man möchte am liebsten jeden Satz herausschreiben und sich über das Bett hängen. Hier einige dieser philosophischen Sätze. Einfach so. Zum geniessen.

"Unser ganzes Wissen, das der Vergangenheit, das der Gegenwart und das der Zukunft - ist nichts im Vergleich zu dem, was wir niemals wissen werden."

"Bevor man denkende Maschinen erschafft, muss man eine Ethik für die denkenden Maschinen schaffen. Andernfalls werden sie gebildete Mörder sein. Aber WER gibt den Maschinen ein ethisches Programm ein, wenn ihre Erbauer kein morlisches Rückgrat haben?"

"Alle Nationalismen sind unmenschlich. Man darf nicht nur an sein Land glauben, ohne dabei auch an die Menschheit zu glauben, sonst entstehen Krieg und andere Barbareien. Und ein zukunüftiger Weltkrieg ist ja gerade deshlab so besonders schrecklich, weil im atomaren Feuer ALLE verglühen - die Gerechten und die Ungerechten."

"Es ist nicht viel getan, wenn man die Mörder beseitigt, man muss die Möglichkeit, dass es Mörder gibt, beseitigen."

Alles sehr passend, finde ich. Auch wenn nun bereits zwanzig Jahre seit dem Niederschreiben dieser Zeilen vergangen sind. Und vor allem verpackt in der Lebensgeschichte des Kosmonauten, über dessen junge Jahre und erste grosse Liebe man ebenfalls etwas erfährt, verfehlen diese Zeilen ihre starke Wirkung nicht.

Und der Titel dieses Eintrages ist ebenfalls ein Zitat aus dem Buch. Ein aus russischer Sicht sehr ironisches Bild, bedeutet doch die schwarze Katze in abergläubischen Kreisen Unglück, eine Person, die volle Eimer trägt, jedoch als Zeichen für grosses Glück.

Das war erst der Epilog. Im weiteren Verlauf wird die Geschichte, welche in der sibirischen Taiga lokalisiert ist, lebensnaher und weniger philosophisch, aber trotzdem interessant zu lesen..

4 Kommentare:

fussgänger hat gesagt…

kommenden dienstag spielen wir eine szene aus der besuch der alten dame und stellen das buch der klasse vor. claire wird von unserer austauschschülerin verkörpert, die noch fast kein deutsch kann. so kommen die gefühlslosigkeit und die arroganz wohl sehr gut zum vorschein, da sie alles monoton ablesen wird. :)

aber auch herr lehmann ist eine tolle lektüre. hast du den film schon gesehen?

Livio hat gesagt…

das austauschschuelerdasein ist irgendwie extrem spannend, merke ich hier, wobei bei mir die situation nicht exakt gleich ist. trotzdem. man fuehlt sich einerseits teilweise wie ein ausstellungsobjekt, welches von allen seiten betrachtet und untersucht werden will, andererseits wird man zu einem teil der gesellschaft, bleibt aber trotzdem immer zu einem gewissen stueckchen fremd, trotz wachsenden sprach-und kulturkenntnissen.

nein, leider hatte ich noch nicht das vergnuegen, den film zu sehen. wird alles zu hause nachgeholt. und ich werde alle russischen klassiker auf deutsch lesen. dostojekwski, tolstoj. undso. mal schauen.

Anonym hat gesagt…

PROLOG! PROLOG!

Livio hat gesagt…

oh scheisse. hahaha. danke xD